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30. Dezember 2014

Selbstbewusstsein

Worin liegt die wahre Potenz? fragt Christa Schyboll

Wie oft geraten wir alle in die Stürme des Lebens, wo wir mit all unserer Persönlichkeit gefordert sind. Was aber, wenn sich diese zu schwach erweist, zu unsicher? Was braucht es, um dem Schicksal standzuhalten und mit elementaren Erschütterungen dennoch gut parat zu kommen.

Schalten Sie zu einer x-beliebigen Zeit den Fernseher an. Was sehen Sie auf allen Programmen? Selbstbewusste Menschen. Da stottert niemand rum, sucht selten jemand nach Worten und lächelt selbst in Augenblicken wo geistiger Mist über die Lippen perlt so sicher in die Kamera, als gäbe es nicht den geringsten Selbstzweifel an seiner Grandiosität. Chapeau!

Der Durchschnittsbürger an sich, der nicht ständig vor Kameras steht und auch nicht mit jenem Quäntchen Größenwahn begabt ist, das offenbar immer mehr Menschen zu eigen zu sein scheint, steht in solchen Momenten atemlos vor einem Phänomen und denkt: Warum sind sie nur alle so locker, so souverän und wirken so omnipotent? Was wurde ihnen offenbar mit in die Wiege gelegt, was mir selbst fehlt? Woher nehmen sie diese Sicherheit im öffentlichen Raum und tun so, als seien sie nicht ebenso Menschen mit Schwächen, Fehlern und Macken wie du und ich?

Die Schnellantwort lautet dann häufig: Sie haben eben ein starkes Selbstbewusstsein! Aber woher? Bei den alten Hasen mag es selbstverständlich sein. Aber es betrifft ja auch die Jungen und ganz Jungen. Und was zeichnet denn dieses Selbstbewusstsein aus?

Der Begriff des Selbstbewusstseins findet sich nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Philosophie, der Geschichtswissenschaft oder auch der Soziologie. Man unterscheidet dabei das Selbstbewusstsein des Individuums von dem eines kollektiven Gruppenselbstbewusstseins. Nach allgemeiner Auffassung versteht man darunter das Denkergebnis oder die Reflexion, die ein Mensch über sich selbst bekommen hat, wenn er sich hinterfragt: Wer oder was bin ich? Ob er dann aber auch die nächsten anstehenden Schritte tut, wird seine individuelle Form des Selbstbewusstseins entscheidend mit verändern.

Man kann die Sache mit der kritischen Selbsthinterfragung dabei natürlich recht tief treiben: Wie bin ich? Wie wirke ich warum auf wen? Und warum bin ich wie ich bin geworden? Was hat mich geprägt, welchen Wert messe ich selbst meinem Sosein für die Gesellschaft, meine Umwelt oder auch für mich selbst bei? Bei den letzteren Fragen kommt es nicht selten zu einem persönlichen Erdbeben, wenn man sich dies in aller Ehrlichkeit und Tiefe zu beantworten sucht.


Worin liegt die wahre Potenz


Die tieferen Fragen sind unter Umständen dazu geeignet, das eben noch stark verspürte positive Selbstbewusstsein auch wieder ins Wanken zu bringen und leise Zweifel hochkommen zu lassen, auf was eigentlich das eigene Selbstbewusstsein begründet ist. Mit anderen Worten: Die erarbeitete oder vermeintliche Sicherheit, die man mit sich selbst im Einklang mit seiner Umwelt hat, kann wie eine nervöse Nadel auf der Skala des Selbstvertrauens zu zittern beginnen, wenn die Frage nach dem Selbstverständnis nur tief genug gestellt werden.

Es kann aber auch der umgekehrte Fall eintreten. Nämlich dass ein bisher wenig selbstbewusster Mensch sich mit seiner eigenen Fehleinschätzung endlich auf die Schliche kommt und seine wahre Potenz erkennt. Dass er anfängt, seine innere Schönheit, sein Wissen, seine Fähigkeiten selbst zu achten und zu ehren, auch wenn er nicht in der Lage ist, diese wie Promis gleich inflationär unters staunende Volk zu streuen.

Entscheidend fürs eigene gesunde Selbstbewusstsein sind die eigenen Glaubenssätze über sich selbst und die Haltung zum Leben und zum individuellen Wertehorizont. Stellt man Letzteren unter das Diktat des Mainstreams und identifiziert sich mit Meinungsmoden und Massenerwartung, kann dies dem eigenen Selbstbewusstsein schaden oder nützen, aber hat jedoch keine wirkliche Tragekraft, wenn tiefere Fragen nach sich selbst von innen durchleuchten.

Nur was man selbst erkannt und durchdrungen hat in Bezug auf die eigene Persönlichkeit mitsamt ihren Prägungen, Talenten, Schwächen und Möglichkeiten, kann zu einem Reifeprozess führen, der das eigene Selbstbewusstsein auf eine solide Grundlage stellt, die auch den Stürmen des Lebens trotzen wird. Krisen im Leben wird man umso besser und schneller meistern, als das eigene Selbstbewusstsein auf einer nüchternen, gedankenklaren und gefühlsbereinigten Basis erarbeitet wurde.

Selbstbewusstsein, das vor allem auf Äußerlichkeiten aufbaut, oder sonstige Attribute, die vor allem den Mainstream bedienen, ist wertlos in Zeiten, wo das eigene Innere elementaren Erschütterungen ausgesetzt ist. Schicksalsschläge im Leben, Krisen, Miseren, Unglücke oder kritische Wendepunkte im Leben können im tiefen Vertrauen auf sich selbst neue Wege weisen, wenn das Selbstbewusstsein auf einem gesunden Fundament eines bewussten eigenen Wachstums beruht.