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04. Juni 2011

Irrtümer über Deutsches und Deutsche im Ausland

Über die Bekehrung der Abtrünnigen, spekuliert Christa Schyboll

Reisen bildet. Fremde Länder und Kulturen erweitern den Horizont. Weltgewandheit und innere Souveränität sind nur einige der Preise, die man beim Reisen im Handumdrehen als Nebeneffekt mit erwirbt. All das wissen wir. Darum reisen wir ja auch unter anderem.

Was wir nicht immer realisieren, ist die Bekehrung der Abtrünnigen. Also jener Deutschen, die die gute alte Heimat verlassen, weil sie ihnen partout zu deutsch ist. So entsetzlich deutsch, dass nur das Ausland Heil versprechen kann. Je weiter weg, je besser. Je exotisch andersartiger, je gesünder. Derzeit propagiert vom Mainstream beliebter Auswandererserien, die uns sagen, warum es überall besser ist als zu Hause. Und viele der Gründe hören sich sehr plausibel an.

Und dann kommt irgendwann der Schock. Unter Touristen ist er nicht ganz so oft zu finden, weil die Erfahrung des Andersartigen meist ja nur auf wenige Tage oder Wochen beschränkt ist. Das registriert die Seele prophylaktisch sehr genau. Deshalb verweigert sich die atmosphärisch lockere Touristenpsyche oftmals gewissen sinnlichen Erfahrungen und steckt sie mit ins Gepäck der Schmutzwäsche, wenn ihr unangenehme Dinge passieren, die alles sind, nur nicht eben typisch deutsch. Das fängt bei der Hygiene an, geht über Fahrpläne und Pünktlichkeiten und endet bei generellen Zuverlässigkeiten oder einem gewissen Engagement in einer Sache, wobei es völlig gleichgültig ist, worum es sich handelt. Deutsche sind gründlich. Und zwar gründlichst gründlich in möglichst allem.

Trifft man im Ausland nun auf Auswanderer, die ihr Glück fernab der Heimat nicht nur gesucht, sondern auch noch gefunden haben, wird man oft Zeuge eines sehr merkwürdigen geistigen Vorfalls. Fast könnte man schon von Anfall sprechen, würde man es pathologisch zu kategorisieren versuchen. Nämlich dem Umstand, dass zwar wirklich alles hier im Ausland besser ist, man auf gar keinen Fall zurück will, das große Los gezogen hat, aber dennoch all die deutsch-typischen Eigenschaften doch enorm fehlen. So enorm, dass man das jetzt mal dingfest machen muss, in dem man ausgiebig darüber mit einem Deutschen spricht, der das auch versteht und voll bejahen wird. So tief als gäbe es kein wichtigeres Thema mehr auf der ganzen lieben weiten Welt. Damit das Gesprochene aber auch sinnlich erfasst und damit besser im Bewusstsein abgespeichert werden kann, wird es auch gezeigt. Überall. Man braucht nur stehen zu bleiben, wo man ist. Denn man findet dieses Undeutsche echt an jeder Ecke der eigenen neuen Wohnung oder des Hauses. So undeutsch, sprich unprofessionell wie man generell im Ausland baut, ist das alles nur sehr schwer zu ertragen. Eigentlich gar nicht, wenn man ganz ehrlich sein will. Trotz des behaupteten Dauer-Glücks, das einen ansonsten voll im Griff hält.

Die Sache ist jedoch für Deutsche schnell geregelt. Das Ausland, notfalls die ganze Welt, wird eingedeutscht. Und zwar gründlich, deutschgründlich, sichtbar, unwiderrufbar. Wäre doch gelacht, wenn die anderen nicht neidisch würden und nachziehen!

Es fängt beim Anstrich an. Solch eine Kleckserei schaffen kleine junge Deutsche ja nicht mal im Kindergarten. Das braucht schon eine Sonderminderbegabung. Überhaupt ist fast alles unintelligent konstruiert, nicht gedämmt, nicht abgedichtet, suboptimal zueinander gestellt. Außerdem fast alles viel zu teuer, handwerklich unakzeptabel, unsauber ausgeführt, es dauert zu lange und überhaupt die Sache mit der Zeit ist ja die größte Katastrophe überhaupt. Steht man am Supermarkt an der Kasse und versucht verzweifelt ehrlich seine Ware zu bezahlen, fehlt das Preisetikett. So etwas kann zwar in Deutschland auch passieren, aber danach scheiden sich die Welten doch enorm. Während in Deutschland eine laut vernehmliche Ansage über Lautsprecher an die Kollegin gemacht wird, die ihre Beine in die Hände nimmt und rennt, was das Zeugs hält, passiert im Ausland erstmal gar nichts. Man stellt nur fest, dass da was fehlt. Irgendwann kommt mal eine Kollegin vorbei, die darüber unterrichtet wird. Sie schaut es sich an, dreht es langsam hin und her und zieht den intelligenten Schluss daraus, dass vielleicht im Laden noch ein zweites Exemplar eventuell existieren könnte, das ausgezeichnet ist. Na, ausgezeichnet! Jetzt aber!… Nein! Es gibt Arbeitsschutzbestimmungen. Die sagen, dass während der Arbeitszeiten nicht zu rennen ist. Schlendern reicht aus. Sehr langsames Schlendern auch. Die Schlange an der Kasse scheint dabei in eine Art Massenagonie zu verfallen. Keiner motzt. Und die Kollegin schlendert ruhig weiter. Bei solchen Vorgängen atmet man ruhiger und beruhigt seinen Stoffwechsel mit Aussicht auf ein längeres Leben. Die Friedhöfe und Grabsteine künden tatsächlich davon. Gestorben mit 91, 95, 87 Jahren. Na bitte!

Natürlich ist trotzdem alles andere im Ausland besser. Deswegen wandern wir auch alle nach und nach aus und bleiben dann dort in der Ferne. Jedoch mit der festen Absicht und dem unbeugsamen Willen, alles Gute des deutsch-gründlichen Wesens sofort dort als finaler Exportschlager einzuführen, damit die Welt daran reife, prosperiere und gedeihe.