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10. August 2010

Deutsche Wiedervereinigung

Ein Schlüssellochblick aus dem Westen von Christa Schyboll

Ob das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten leicht oder schwierig ist, ist eine Frage von Perspektive und persönlicher Betroffenheit. Allgemeine Aussagen verbieten sich, wenn es ums ganz persönliche Erleben geht. Die Angleichung braucht Zeit, Verständnis und guten Willen von allen Seiten.

Was eigentlich hat es mit der ehemaligen DDR und ihren Menschen auf sich, die nun schon so lange Zeit die "neuen Bundesländer" genannt werden. Das erste Gefühl, das mich dabei beschlich: Ich habe gar keine klare Meinung dazu. Als Westlerin stand ich plötzlich etwas hilflos vor dieser Frage, die sich mir stellte.

Und ich will nicht verhehlen, es war ein unangenehmes Gefühl so wenig zu wissen. Was also könnte ich spontan zwar als Zeitzeugin dieses unglaublichen Geschehens der Wiedervereinigung sagen, die selbst nicht vor Ort war, aber es hoch interessiert und berührt durch die Bildermacht der Medien vor allem erlebte?

Als sie sich ereignete, nein, friedlich und mutig erkämpft wurde, befand ich mich im gleichen kollektiven Taumel wie der Rest der gesamtdeutsch werdenden Republik in spe. Das Gefühl war ein überpersönliches Glück, das zu Tränen rührte, weil es das Menschliche betraf. Die Bilder der Freude waren zu mächtig und prägten sich ins Blut ein. Überall Begeisterung und Hochstimmung darüber, dass die Menschen in der DDR nun auch in den Genuss von Freiheiten kamen, die sie nicht nur schon lange ersehnten, sondern auf hartnäckig-unbeugsame Art ohne Waffen und Gewalt durchsetzten. Die Waffen waren die Drohung der Gegenseite, die sich letztlich als schwächer erwiesen als der friedliche Volkswille. All das ist Geschichte vom Feinsten und schon wieder so lange her.

Dass die voreiligen Versprechen nicht haltbar waren und heute finanziell und politisch alles hinterher hinkt, haben wir gut meinenden Politikern ohne Weitblick zu verdanken. Gut meinen und gut tun, politisch vortrefflich reden und Versprechen geben sind Zustände, die oft die Symbiose verweigern und sich später dann in Abwahlen niederschlagen. Niedergeschlagen ist auch jener Teil der ostdeutschen Bevölkerung, der zu den Verlierern gehört. All die vielen Milliarden kamen keineswegs immer dort an, wo sie sinnvoll verwendet werden sollten. Bereicherungen allerorten, von Westlern und Cleverlis aus dem Osten gleichermaßen. Wer an den finanziellen Segnungen seinen fetten Schnitt vorteilhaft machte, war weniger lokal, als vielmehr charakterlich festzumachen: Geldgierige ohne Gemeinschaftssinn, raffinierte Raffkes, die die öffentliche Abzocke legal und illegal perfekt beherrschten…. Menschen mit hohen und gar keinen Ämtern. Was zählte war der Durchblick… gepaart mit einer gewissen Skrupellosigkeit. Und diese Sorte Mensch ist universell in jedem Volk vertreten und tritt zum Absahnen an. So auch hier, zuverlässig und wirkungsvoll.


Auf der Suche nach der DDR


Dennoch wurde viel erreicht. Dass es nach zwei Jahrzehnten immer noch nicht reicht, dass es immer noch Ungerechtigkeiten gibt, die nicht nur die Entlohnung der Menschen bei gleicher Arbeit betreffen, sind Punkte, an denen weiter zu arbeiten ist. Es ist wichtig für den sozialen Frieden, dass auch Gerechtigkeit hergestellt wird.

Doch man hüte sich davor, von paradiesischen Zuständen ein zweites Mal zu träumen und wieder enttäuscht zu werden. Wir müssen uns vor Augen halten, dass nicht nur die DDR ihre massiven Fehler und Schwächen hatte, ihre brutalen und unmenschlichen Seiten, sondern dass der westliche Kapitalismus auf seine Art da ebenso hart zuschlagen kann – auch wenn es gesellschaftlich auf andere Weise geschieht, die uns auf den ersten Blick vielleicht weniger brutal vorkommen mag. Das alles gehört zur öffentlichen Seite.

Die private Seite ist eine andere, eine höchstpersönliche oder gar keine. Meine Kenntnis der DDR ist vermutlich durchschnittlich schwach. Ich kenne einen Teil der Landschaften von den innerdeutschen Urlauben der letzten Jahre. Wohl habe ich mich gefühlt und Schönes gesehen. Landschaftliche Reize sind von Nord bis Süd zu finden, wie auch die knorrigen Urgestalten der entsprechenden Regionen.

Die ehemalige DDR ist für mich dabei nicht wirklich sichtbar, sieht man von einigen Verrottungen ab, an denen man gern wegschauend schnell vorüber zieht. Zu wenig alte Bezüge habe ich persönlich, mit denen ich zu aussagekräftigen Vergleichen kommen könnte. Vieles erscheint mir bei der Durchreise neuer, schicker, schöner, renovierter und frischer als in manch einem alten westdeutschen Landstrich, wo die öffentlichen Fördergelder nicht so flossen. Diese Erneuerung im Äußeren jedoch war dem maroden Zustand morbider Materie angemessen.

Entscheidend jedoch ist die Erneuerung im Innern. Was hat sich wirklich in den Herzen und Köpfen der Menschen vollzogen? Ich glaube nicht, dass ein durchschnittlicher Westler die Kompetenz hat, dies zu beurteilen - so er nicht professionell mit solchen Themen beschäftigt ist, prüft und ernsthaft forscht. Das wissen die Menschen in der ehemaligen DDR selbst am besten.


Vom Rückgang der Unterschiede


Aber ich wage zu orakeln: Die Bilanz fällt für die meisten wohl eher ambivalent aus. Man wird vieles begrüßen, vieles bedauern. Man wird Fehler benennen können und auch die personell dafür Verantwortlichen, selbst wenn man sie legal aus der Verantwortung entließ. Man wird eine menschlich mittlerweile veränderte Gesellschaft der nächsten Generation vorfinden, die teils voller Hoffnung ist und Menschen, die mit guten Argumenten die Kehrseite aufzeigen. Und dann die Flüchtenden nicht zu vergessen, die es noch immer gibt… Ostflucht und Landflucht, so ganz ohne Ausreisepapiere, aus wirtschaftlicher Not die Heimat verlassend. Perspektivlos mit drohender Überalterung. Ganze Landstriche, die sich leeren und vermutlich binnen weniger Jahre von der Natur zurückerobert werden. Für wie lange? Auch hier ist Bewegung, die zu späteren Zeiten wieder zu einer Gegenbewegung werden wird. Wann immer das sein mag.

Vielleicht sind mittlerweile die Unterschiede zwischen den Menschen der alten und neuen Bundesländer gar nicht einmal so groß, wie wir denken. Sie werden von Jahrgang zu Jahrgang geringer werden. Die sich ständig und schnell verändernde Gegenwart rückt jene DDR-Vergangenheit mit ihren besonderen Bedingungen mehr und mehr in den Schatten der Geschichte.

Und ich? Ich bleibe fremd dort und komme dennoch gern wieder. Als Touristin, die Urlaub braucht und sich nach Ruhe sehnt. Nach den leisen Tönen und den Farben eines prächtigen Sommerhimmels. Nach der Wassermusik meines Bootspaddels auf der Müritz und den Schreien der Gänse im Bodden. Offen für offene Menschen mit dem Mut zu offenen Worten. Hinhorchend wo Wesentliches vernünftig gesagt wird und mich über jeden Menschen freuend, der daran mitwirkt, dass Deutschlands bereits vernarbte Schnittwunde irgendwann nur noch Erinnerung ist, aus der wir alle das Rechte für die Zukunft lernen.