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16. November 2009

Die Deutschen und ihr Reifegrad

Eine Kolumne von Christa Schyboll

Wie reif sind denn nun die Deutschen? In Pisa schneiden Sie nur mäßig schlecht ab. Auf der Liste der „schönsten Menschen“ wurden sie mit auf die letzten Plätze verwiesen? Bleibt für uns Deutsche da dann eher die Kategorie der inneren Reife, die nicht unbedingt reinen Intellektualismus meint, sondern die Fähigkeit, gemeinsam weise zu sein?

Keine Frage: jeder von uns ist natürlich anders und in anderen Bereichen reif! - Anders geht es ja nicht, da auch die Deutschen Individuen sind und damit unterschiedlich in ihrer persönlichen Entwicklung.

Dennoch: gibt es trotzdem so etwas wie eine Art "Gemeinschaftsreife"!? Wenn ja: Wie reif sind wir im z.B. bundesdeutschen Bürgerkollektiv? Schaut man in die jüngere Geschichte, so sind vom deutschen Boden einerseits die grauenhaften Weltkriege ausgegangen - aber auch eine prosperierende Wirtschaft. Diese fiel nach und nach - aus den bekannten Gründen - auch wieder (vorübergehend) zusammen, steht aber insgesamt noch relativ gut da, gemessen an wirklich armen Ländern.

Sprich: das "kleine" Deutschland (gemessen an den Großmächten per Potenz, Atomsprengköpfen, Einwohnerzahl, Fläche usw.) hat offenbar eine beachtliche Begabung, sowohl das Grauen zu erschaffen oder zu ermöglichen wie auch besondere Leistungen hervorzubringen durch wirklich viele kluge Köpfe, aber auch Fleiß, Ernsthaftigkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit und noch ein paar andere durchaus gute Tugenden, für die wir bekannt, beliebt, beneidet und berüchtigt sind… heraus aus einer langen und beachtlichen Tradition von Dichtern und Denkern.

Hintergrund der Frage ist die gerade durchgemachte schwere Krise, deren Ende zwar prognostiziert ist, aber deren Auswirkungen noch lange Zeit zu stemmen sein werden. Und zwar unter eher ungünstigeren Bedingungen als den heutigen. Zugleich ist aber absehbar, dass es noch durchaus sehr viel schlimmer hätte kommen können… man schaue einfach nur kritisch hin, ohne zu schnell in die Falle von Zweckoptimismus oder den der ewigen Nörgeler zu tappen.

Vielleicht lohnt es sich ja, wenn sich möglichst viele Bundesbürger einmal die Frage stellen, was sie persönlich eigentlich alles machen können, damit es eine sanfte Abfederung am Ende gibt, die einem klug agierenden Volk gut anstünde. Auch wenn viele Chancen in der Vergangenheit verpasst wurden: Ganz sicher gibt es noch phantastische ungenutzte Ressourcen, was die Reife der Deutschen im positivsten Sinne angeht – mitsamt ihren integrierten ausländischen Mitbürgern – damit es zu einem guten Miteinander auch dann kommt, wenn die Alterspyramide hochschnellt, die Zinsbelastungen ins Unendliche dynamisieren oder die steigenden Weltmeere ihren Tribut fordern. Dann wird es sich zeigen, was eine Kollektivreife ist und welches Volk sie schon in vorbildlicher Weise erarbeitet hat.