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25. Januar 2012

Egozentriker

Sind Egozentriker Egoisten?, hinterfragt Christa Schyboll

Nicht unbedingt, glaube ich. Egozentrik und Egoismus können zwar in einem Menschen durchaus ein gemeinsames Spielchen treiben, sind ihrem Wesen aber nach verschieden. Jedes kann einzeln ohne das andere in einer Persönlichkeit vorkommen.

Egozentriker sind nicht selten sogar Menschen, die großzügig oder spendabel sein können. Der Egozentriker verfügt über eine völlig überspitzte Selbstbezogenheit, die sich jedoch vom Egoismus abgrenzt. Hier geht es nicht ums Haben einer Sache oder um irgendwelche egoistischen Vorteile, sondern darum, Ereignisse, Menschen, Dinge oder Meinungen ständig an sich selbst oder der eigenen Perspektive zu messen und meist auch zu bewerten. Der Egozentriker muss im Mittelpunkt stehen und braucht diese Aufmerksamkeit wie die Luft zum Atmen.

Die Egozentrik ist mehr eine Charaktereigenschaft als ein Handlungsimpuls, wie wir ihn im Egoismus wieder finden. Die Bedeutung der eigenen Persönlichkeit, des Selbst, steht im Vordergrund aller Bemühungen und Anstrengungen. Nicht der materielle Vorteil ist es, der z.B. auf Raff- oder Habgier beruht, sondern die angestrebte (scheinbare) Wichtigkeit der eigenen Person. Dabei kann der Egozentriker selbstlos daherkommen, kann sein Hab und Gut verteilen, verschenken – Hauptsache, alle sehen es und er fühlt sich in seiner Bedeutung groß und im Mittelpunkt stehend. Im Zentrum halt, wie der Begriff auch aussagt.

Nicht selten kommt es bei Egozentrikern zu zwischenmenschlichen Problemen, weil nur wenige Menschen in der Regel es an seiner Seite recht gemütlich finden. Den Raum der Aufmerksamkeit beansprucht er zumeist für sich alleine – und die anderen haben sich zu bescheiden oder zu fügen. Enge, harmonische Dauer-Beziehungen dürften Egozentrikern da eher schwieriger gelingen als anderen Menschen. Die Selbstbeobachtung und auch die kritische Selbstreflexion sind unzureichend entwickelt und können dementsprechend nur selten ausgleichend oder gar korrigierend wirken. Gleichzeitig sind Egozentriker vielfach so sehr von sich überzeugt, dass ein ungefragtes Einwirken auf sie in der Regel nicht gelingt. Man zählt sie häufig zum Kreis der „Beratungsresistenten“, die letztlich wie die Sonne um sich selbst kreisen müssen und ihre menschlichen Planeten und Trabanten brauchen, um sich im selbst geschaffenen Zentrum wohl zu fühlen.

Egozentrik und Egoismus sind jedoch auch nur Teile einer komplexen Begriffswelt, die die menschliche Persönlichkeit zu erfassen versucht. Will man es noch feiner definieren, hätte man auch den Solipsismus, den Individualismus, die Egomanie, den Egozentrismus, die Selbstliebe oder auch den Narzissmus noch hinzu zu ziehen. Feinheiten, die sich in den verschiedenen Situationen und Verhaltensweisen ebenso überschneiden können, wie sie ausgleichend oder auch polar sein können.

Will man herausfinden, ob man in all diesen Bereichen eher ein Problem hat oder gut klar kommt, gibt es eine sehr einfache Methode, die all diese Wissenschaftlichkeit im Detail nicht braucht: Man schaut sich nüchtern an, wie die Mitmenschen auf einen selbst reagieren. Dann weiß man in der Regel, ob man sich zu ändern hat oder bleibt, wie man ist.