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18. November 2013

Lebenslänglich

Krieg und Frieden in der Ehe. Von Christa Schyboll

Wer heiratet, träumt davon, mit dem Partner nun ein Leben lang zusammenzubleiben. Bis dass der Tod euch scheidet. Das bedeutet: Lebenslänglich nach eigenem Wunsch. Und dennoch mehren sich die Scheidungen und auch der Tod ist ein Faktor von hohem Gewicht.

Marie kennt es von ihren Eltern: Lebenslänglich. Die Ehe. Viele Jahrzehnte. Nun ist der Vater tot. Die Mutter blüht auf. Etwas jedenfalls. Denn sie war ja schon ziemlich verblüht. Nicht, dass der Vater zu Lebzeiten diesen Verwelkungsvorgang alleine zu verantworten hatte, beruhigt sich Marie. Diese lebenslange Kriegsgefangenschaft war schon eine doppelseitige Angelegenheit gewesen. Da will sie doch fair bleiben. Und das muss sie auch. Denn übermorgen ist ihr Hochzeitstag. Also der Erste. Wenn sie denn überhaupt…

Soll sie? Für immer? Fürs ganze Leben? Bis dass der Tod uns scheidet? Übernimmt das heute nicht in aller Regel eben nicht der Tod, sondern der Scheidungsrichter? Nach sieben, zehn oder 15 Jahren? Und lebt man dann nicht auch weiter? Nicht so wie ihre Eltern, so verhutzelt und verwelkt, sondern vielleicht ja auch besser? Oder noch schlimmer? Schlimmer geht immer. Marie kennt beide Varianten. Sie muss sich nur umschauen.

Ihre Eltern waren Kriegsgefangene besonderer Art gewesen. Auf dem Schlachtfeld des Alltags. Die Manöver befehligten sie oft chaotisch und ganz ohne Plan. Ihr fast lebenslanger Krieg mündete später im Alter in einen Waffenstillstand. Heiß geschossen wurde vor allem in den mittleren Jahren der Ehe. Mindestens zwei Jahrzehnte lang. Da zündelte jeder an seiner Bombenstimmung und ließ die Granatfetzen nicht nur durchs Schlafzimmer fliegen. Die Detonationen erlebte die ganze Nachbarschaft. Diese antwortete mit eigenen Detonationen aus dem ehelichen Binnenland. In den Kinderzimmern zogen wir uns die Decken über die Ohren und bauten kleine Höhlen, in den wir uns sicher wähnten. Krieg war nicht nur im Fernsehen. Marie erinnert sich noch zu genau.

Übermorgen heiratet Marie ihren Bernd. Sie kennen sich schon lange. Sie leben bereits über zwei Jahre zusammen. Also weiß sie, was auf sie zukommt. Oder ahnt sie es nur? Vermutlich das, was sie kennt? Der Zauber geht, die tiefe Verbindung bleibt? Aber hat eine solche Verbindung in Zeiten wie diesen auch eine ausreichende Haltekraft für beide?, fragt sich Marie.


Lohnt es sich dafür?


Bernds Eltern sind geschieden. Der Vater hat eine neue. Frischer und jünger als die Ex. Er hat auch genug Geld. Das Typische halt. Man kennt es. Geld zieht Schönheit an und umgekehrt. Liebe? Wer mag sich darüber ein Urteil bilden? Ihr Schwiegervater glaubt es. Muss es glauben. Glaube hilft; manchmal. Aber er muss auch stark verankert sein, um wirksam zu bleiben. Bernds Mutter hat ständig einen neuen. Lover. Das Wort mag sie aber nicht hören. Bernd sagt Freund. Das klingt seriöser. Bernds Vater ärgert sich über diese ständigen Wechsel. Obschon es ihn gar nichts mehr angeht. Meist sind die Kerle aber alt. Also in ihrem Alter. Da hält nichts mehr!, tröstet sich still Bernds Vater. So und so. Glücklich wirken beide Schwiegereltern auf Marie nicht. Aber Bernds Vater ist zumindest doch sehr stolz. Jedenfalls tut er so. Marie findet das affig. Bernd schweigt dazu.

Maries Mutter hat jetzt viele Freundinnen; jetzt, wo der Vater tot ist. Witwen, Geschiedene. Solche halt. Fast alle ohne Mann. Nur eine nicht. Sie wird ständig von den anderen durch den Kakao gezogen. Eifersucht! Was sonst. Sie hat etwas, was die anderen nicht mehr haben. Das kann nicht gut sein. Die Argumente dafür finden die Frauen ohne Partner schnell und reichlich.

Aber was ist denn nun mit der Ehe? Solle sie? Soll sie nicht? Marie reißt sich zusammen. Geht in sich. Sie will bärenstarke Argumente fürs Heiraten finden. Sicherheitshalber. Sie will es nicht schon auf der Hochzeitsreise bereuen. Also die Legalisierung an sich, meint sie. Ansonsten leben sie eh schon zusammen. Nichts würde sich im Alltag ändern. Nur die Steuerklasse. Sie verdient etwas weniger. Unter dem Strich ist es zusammen für beide ein wenig mehr. Lohnt es sich dafür? DAFÜR? Nein, sicher nicht! Wenn es sich lohnt, dann aus Trotz. Oder aus Ehrgeiz. Oder aus reiner Neugierde. Was werden sie beide aus dem Abenteuer Ehe machen. Mal schauen, ob wir es nicht besser machen!, sinniert Marie.


Gefühle und die Unwägbarkeit der Zukunft


Das sticht wie Hafer. Immerhin: Ihre Eltern haben es ja auch geschafft. Bis zum Tod. Aus dem Waffenstillstand wurde Kameradschaft. Sogar eine vertraute Freundschaft, die sich immer mehr vertiefte. Sie waren für einander da. Bernd Mutter kennt das bis heute nicht. Da lief es anders. Maries Eltern haben durchgehalten. Einer stirbt ja immer früher. Segen oder Glück für wen? Schwer auszumachen. Je nachdem.

Marie will Bernd nicht überleben. So fühlt sie jetzt. Aus reinem Egoismus. Sie will nicht zurückbleiben. Später, wenn es mal soweit ist. Aber wie plant man so etwas, wenn Selbstmord nicht in Frage kommt? Also jetzt, wo sie jung ist, denkt Marie so. Ein Leben als alte allein stehende Frau erscheint ihr schlimm. Obschon!? Die gute Laune ihrer Mutter lässt sie an ihren eigenen Gedanken auch wieder zweifeln. Vielleicht sieht sie das alles doch noch ganz falsch? Fehlt ihr schlicht und einfach der Erfahrung einer Wirklichkeit, die sie nicht vorausnehmen kann? Und was, wenn Bernd auf seinen Vater kommt? Sich später auch eine Jüngere nimmt? Und was, und was, und was? An solchen Fragen kann man im voraus verrückt werden. Dann kann man sich auch gleich eine Glock besorgen und sich die Kugel geben.

Überhaupt, was nützen solche Spekulationen. Keiner weiß vorher, wie sich das Ganze entwickelt. Warum also nicht Bernd heiraten? Bernd ist ein guter Kerl. Und sie selbst? Ist sie auch ein guter Kerl?, … so als Frau?

Marie weiß es nicht so genau. Sie kennt ihre Schwächen zu gut, um sicher zu sein. Aber Bernd scheint es zu wissen. Er ist es ja, der unbedingt will. Der Antrag kam von ihm. Kitschig und süß. Liebevoll und altmodisch. Nicht per SMS.

Marie und Bernd zanken sich selten. Dabei leben sie schon seit zwei Jahren zusammen. Aber auch das kann sich ändern, weiß Marie. Nach beiden Richtungen. Nach und nach. So wie bei Maries Eltern. Oder den Schwiegereltern. Marie wagt die Gefangenschaft. Vielleicht auch, um darin frei zu werden und bleiben zu wollen, obschon sie nicht muss.