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18. Mai 2014

Liebe und Eifersucht

Experimentelle Versuche in Beziehungsmodellen. Von Christa Schyboll

Immer wieder neu stellt sich uns allen die Frage nach dem Eigenwert und des Selbstbewusstseins. Der drohende Verlust an Liebe oder ausreichender Zuwendung steht plötzlich ganz oben auf der Agenda der eigenen Seele.

Der Mensch an sich, so scheint es zumindest auf den ersten Blick, hat die schwerwiegende emotionale Last mit der bitterbösen Eifersucht und ihren vielen unangenehmen Formen keineswegs schon hinter sich gebracht. Wie viele Fernsehkrimis würden aufgrund fehlender Drehbücher wohl entfallen, wenn die Sache mit der Eifersucht bereits überwunden wäre? Anders offenbar der Mingle, der in freier Beziehung recht beliebig mit diesem und jenem turtelt, ohne dass dieser Schmerz entscheidende Wunden ins Sein schlägt.

Da in der Lebensform der Mingles fast alles ziemlich frei erlaubt ist, und zwar für alle Beteiligten, gibt es eigentlich ja keinen Grund mehr für Eifersucht. Jeder kann, wie er will, wann er will, mit wem er will. Wozu oder auf wen also noch eifersüchtig sein? Das macht einfach keinen Sinn.

Ist denn Eifersucht tatsächlich nur etwas für kleinherzige Traditionalisten, gar für krampfende Egoisten, die Eigentumsrechte selbst an Personen einfordern? Eindeutig nein. Es ist einfach so, dass trotz aller Verstandesüberlegungen der Mensch an sich diesen archaischen Schmerz in aller Regel noch nicht überwunden hat. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen, aber sie bleiben eben noch Ausnahmen.

Droht der Verlust eines lieben Menschen, den sich ein anderer zu schnappen versucht, schießt die Eifersucht ein. Je nach Wesensart leidet der Mensch, trauert oder schmerzt sich daran, wenn er erst einmal in den Sog dieses Seelengiftes geraten ist. Die Leidenden begreifen oft sich selbst und die Welt nicht mehr. Wie eine ätzende Säure schleicht sich der Schmerz der Eifersucht in den eigenen Blutkreislauf und droht das Herz zu zerstören, wenn man es in die Metapher der Empfindungen kleidet.

Zum Begriff der Eifersucht kann man einiges aus diversen Lexika erfahren. Danach leitet sich das zusammengesetzte Substantiv vom indoeuropäischen "ai", das für Feuer steht, ab. Im Althochdeutschen kennt man "das eiver", dass das Herbe, Bittere oder Erbitterung meint und die "suht", aus dem gleichen Sprachstamm die Krankheit oder Seuche beschreibt. Für diesen Begriff existieren Belege erst seit dem 16. Jahrhundert. Es beschreibt also eine schmerzhafte Emotion. Sie hängt unmittelbar mit dem meist ungenügenden Maß von Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe, Respekt oder Zuneigung zusammen, die einer anderen Person nun entgegengebracht wird und von der man sich selbst persönlich nun "ausgestochen" fühlt.


Verlustängste und andere Probleme


Das Gefühl der Verlustangst ist eine Folge, die zu weiteren heftigen Emotionen führen kann. Diese können sowohl leidend introvertiert erlebt werden oder auch extrovertiert aggressiv nach außen bzw. gegen sich selbst ausgelebt werden.

Eifersucht hat nicht nur ihren Ursprung bezüglich des Verdachts der sexuellen Untreue. Sie entsteht in vielen Menschen bereits auch schon durch das Empfinden einer Vertrautheit zwischen dem Partner und einer dritten Person, die die eifersüchtige Person ausschließt. Dies kann sehr drastische, auch gewalttätige Handlungen bewirken.

Bei erwachsenen Personen kann Eifersucht etwa auftreten, wenn der Partner mit einem anderen Menschen flirtet. Die Gefährdung der eigenen Beziehung kann auch empfunden werden, wenn mit einer anderen Person Vertraulichkeiten ausgetauscht werden, von denen man selbst ausgeschlossen ist, auch ohne dass die Partnerschaft an sich gemeint ist. Also beispielsweise die Eifersucht unter Freunden, Kollegen, Nachbarn, Geschwistern usw.

Immer wieder neu stellt sich dabei die Frage nach dem Eigenwert und des Selbstbewusstseins. Der drohende Verlust an Liebe oder ausreichender Zuwendung steht plötzlich ganz oben auf der Agenda der eigenen Seele. Je unsicherer ein Mensch ist und je mehr er mit Minderwertigkeitsgefühlen innerlich zu kämpfen hat, umso heftiger dürfte der innere Sturm der Eifersucht wüten, wenn ein anderer Mensch in die bisherige Zone der Harmonie eintritt und diese heftig durcheinanderwirbelt.

Während die Eifersucht des Kindes in der Regel verschwindet, wenn es von seinen Eltern die gleiche Zuwendung wie der andere erfährt, verlangt aber ein eifersüchtiger erwachsener Partner oft darüber hinaus nach einer uneingeschränkten, ausschließlich ihm geltenden Aufmerksamkeit. Hier kommen ambivalente Faktoren von Macht und Minderwertigkeit ins Spiel, die eine Reihe von Nuancen bergen.


Was hat Eifersucht mit Neid zu tun?


Der Unterschied zwischen Eifersucht und Neid ist übrigens der, dass ein eifersüchtiger Mensch Angst hat, zu verlieren, was (oder wen) er liebt und braucht. Aber ein neidischer Mensch will das haben, was andere besitzen. Dieser Unterschied scheint auf den ersten Blick klein, ist aber in seiner Dimension entscheidend anders.

Die gemeinsame Ursache für Eifersucht und Neid ist unter anderem ein Selbstwert-Defizit. Im Fall von Eifersucht empfindet der Betroffene mangelnde Wertschätzung durch eine bestimmte Person. Beim Neid hingegen entzündet sich das Problem an den eigenen Wertvorstellungen.

Oft wird die Spezies Mann als krankhaft eifersüchtig dargestellt. Der wesentliche Unterschied ist allerdings, dass Frauen eher auf tatsächliche oder eingebildete emotionale Untreue mit Eifersucht reagieren, während Männer eher auf tatsächliche oder eingebildete sexuelle Untreue mit Eifersucht reagieren. Frauen sind eben in der Regel die Emotionen noch wichtiger und wertvoller und den Männern Körper und Sexualtrieb halt näher, wenn es darum geht, besonders heftige Gefühle in sich zu erzeugen.

Mingles, die nun ernsthaft glauben, das Problem der Eifersucht schon überwunden zu haben, stehen entweder tatsächlich mit ihrem persönlichen Reifegrad schon über den Dingen. Oder aber sie haben erst gar keine Veranlagung zu eigenen tiefen Gefühlen, sind nicht wirklich bindungsfähig und stehen deshalb auch nicht in einer so großen menschlichen oder emotionalen Verlustgefahr. Alternativ sind sie vielleicht jedoch bindungsfähig wie auch gefühlvoll, haben aber bisher noch nicht jenen besonderen Menschen im Leben getroffen, der ihnen einen schmerzlichen Verlust bedeuten würde. Mit anderen Worten: Auch der Mingle, der glaubt, die Sache mit der Eifersucht an sich sei doch bereits allein durch die Beliebigkeit und Beziehungsvielfalt im Mingle-Dasein ihrem Kern erstickt, kann sich darin irren und betrachtet offenbar nur die rationale Seite einer emotionalen Angelegenheit, weil er die tiefe Liebe noch gar nicht erlebte.


Ambivalenzen zwischen Eifersucht und Liebe


Hat Eifersucht mit Liebe zu tun? Ja, meinen die einen, weil sie ja vor allem im Zusammenhang mit den Liebesgefühlen auftritt. Nein, meinen die anderen, weil wirkliche, reife Liebe die Eifersucht sogar unmöglich macht. Aber letztere wissen auch: Diese Form von Liebe liegt für die meisten Menschen noch in der Zukunft. Denn eine solche Liebe muss ja im Alltag auch gelebt werden können. Und das braucht eine ganze Reihe von persönlichen Reife-Voraussetzungen, die sich jeder erst einmal erwerben muss.

Diese völlig gegensätzlichen Auffassungen, die es zum Thema Eifersucht gibt, scheinen auf den ersten Blick verwirrend zu sein. Das kommt vor allem daher, dass der Begriff der Liebe für viele Menschen äußerst verschieden mit Inhalten oder einer inneren Haltung besetzt ist.

Eifersucht ist eine Art Kriegsschauplatz in der Liebe, den keiner will und der dennoch omnipotent auftritt, sobald ein anderer attraktiver Partner in die bestehende Beziehung mit eintritt. Da spielt es zunächst keine Rolle, in welchem Beziehungs-Status man sich befindet. Freie Liebe oder Trauschein: Verlustangst um den Partner kann man in jeder Beziehungsform haben, wenn man sich emotional an einen anderen Menschen bindet.

Je enger, intensiver und anhaltender die alte Bindung ist, umso größer dann auch der drohende Verlust durch den Neuzugang.

Aber ist dieser spezielle Schmerz denn nun tatsächlich unüberwindbar für die Spezies Mensch? Bleibt er eine Geißel für die Menschheit auf immer? Oder gibt es tatsächlich Möglichkeiten, Eifersucht zu überwinden?

In den traditionellen Formen des Zusammenlebens war ein Experimentieren breiter Bevölkerungsmassen mit solchen Beziehungsformen nicht wirklich möglich. Ausgenommen die kurze Epoche der so genannten Blumenkinder Ende der Sechziger Jahre, der aber jedes ernsthafte Fundament letztlich fehlte, um aus dieser neuen Öffnung eine neue, tragfähige Gesellschaft zu gestalten. Hier wurde die spontane Lust am Leben und des Flirts, den man kurzerhand zur "Liebe" erklärte im freien Spiel ausgelebt – was letztlich nur vergleichbar war mit einer kindlich-naiven Lust von Beliebigkeit ohne jegliche Verantwortung, soweit es die Bewegung betraf – nicht unbedingt jeden Einzelnen.


Neue Zeiten dämmern herauf


Ist es nun wieder soweit, dass neue Wege versucht werden, weil die Zeit erneut dafür reif zu sein scheint? Oder ist es immer noch zu früh, weil der Mensch an sich einfach für diese Überwindung der Eifersucht seelisch noch gar nicht gewappnet ist? Als weil er noch an gefühlten Besitzansprüchen klebt, Macht, Minderwertigkeitsgefühle, Verlustängste, Eitelkeiten, Kompensationen und vieles andere mehr mit diesen Begriffen so unselig verquickt, dass ein freies Fühlen, Handeln und Denken derzeit den meisten Menschen nicht lebbar ist!? Und ist nicht wahre Freiheit, die nicht mit Pseudofreiheit zu verwechseln ist, Voraussetzung dafür?

Es gibt schon seit geraumer Zeit Protagonisten in kleineren Lebens-Gemeinschaften, die gesellschafts-experimentell mit verschiedenen Beziehungsmodellen auch deshalb arbeiten, weil die alten Formen längst nicht mehr tragen und immer mehr Unglück im Schlepptau haben.

Dieses Desaster betrifft aber nicht nur die Erwachsenen im Kern, sondern vor allem auch die Kinder, die dem persönlichen Drama oft einfach nicht gewachsen sind. Sie bleiben nicht selten chancenlos, desorientiert und lebensgeschwächt zurück, nur weil die Erwachsenen die Sache mit den geklärten Gefühlen von Liebe oder Hass, Eifersucht, Neid oder Zuwendung einfach nicht vernünftig zum Wohle aller zu regeln vermochten.

Es geht also nicht darum, etwas Bewährtes in Frage zu stellen, sondern darum, dass das ehemals Bewährte längst zerstört ist und es nun nach guten, neuen Möglichkeiten zu suchen gilt, die die Eifersucht nach und nach überwinden und Liebe auf ein gesundes, neues Fundament stellen.

All dieses Experimentieren mit Beziehungsformen kann jedoch nur funktionieren, wenn solche Gemeinschaften an Themen wie Bewusstseinsreife, menschlicher Treue, Zuverlässigkeit und Verantwortung gemeinsam arbeiten und gestaltend wirken.

Dabei müssen aber dann auch alle Bereiche beachtet und umgesetzt werden, die über das rein psychologische Miteinander oder die sozialen Formen hinausgehen. Die Parameter solcher Gruppen auch für die Bereiche von Wirtschaft und Finanzen, Recht, Kunst, Wohnung, Ernährung, Bildung usw. gehören u.a. mit in die Kernthemen solcher gemeinschaftlicher Bemühungen. Den traditionellen, nicht mehr funktionierenden Beziehungsformen kann man dann den Rücken zukehren, wenn man dann auch eine neue alltagstaugliche Basis für Liebe, sozialem Miteinander und schöpferischem Gestalten in und an der Welt finden will und daran arbeitet. Die Frage nach der Freiheit, Vielgestaltigkeit und dauerhafte Freude in der Liebe ist an die Einhaltung anderer Tugenden elementar gekoppelt, wenn man nicht in einem Desaster der inneren Leere oder Enttäuschung enden will.