Anzeige

01. September 2010

Auszeit

Über eine Richtungsänderung des Bewusstseins, von Christa Schyboll

Auszeit? Welch ein Luxuswort! Eines, das nur für finanziell Unabhängige zu realisieren ist? Wer kann sich schon eine Auszeit nehmen, wenn die Kredite weiterlaufen, die Kinder in Schule und Ausbildung sind, das Gehalt des Partners nur für einen Teil der monatlichen Kosten reicht?

Geht Auszeit also nur, wenn man reich ist – oder radikal genug, seinen menschlichen, sozialen Verpflichtungen einfach so ade zu sagen?

Nein, es geht immer. Jederzeit, jede Minute. Wenngleich auf sehr verschiedene Arten. Macht man sich die Möglichkeiten bewusst, so erschließen sich neue Chancen, die sich nicht allein auf jene Flucht beschränken, die den physischen Ortswechsel voraussetzt und finanziell ins Desaster führen kann.

Auszeit ist Kopfzeit. Oder auch Herzzeit, Fühlzeit. Auszeit ist eine Richtungsänderung des Bewusstseins, das reinen Tisch macht. Das bereit ist, neu in die eigene Mitte zu springen, die längst schief und schräg in den Seilen des Alltags hängt. Auszeit heißt, Gedanken anders denken und Gefühle einer Zäsur unterziehen. Auszeit bedeutet neue Fragen stellen zum eigenen Weltbild, aber auch zur Ich-Wahrnehmung und meiner eigenen Stellung in der Welt und zu den Menschen. Manche mögen auch ihre Stellung zu Gott oder dem Göttlichen dabei untersuchen.

Auszeit kann zur gesteigerten Bewusstwerdung führen, die neu sortiert. Die nicht nur eine neue Strategie zur Problemlösung verwendet, sondern zugleich auch alternative Modelle von Handlungsweisen individuell entwickelt, in dem neue Prioritäten gesetzt werden.

Eine kleine Liste kann dazu wertvolle Hilfe leisten. Konkret hieße es, einmal aufzuschreiben, was derzeit problematisch ist und was gut läuft. Was wünschenswert wäre, aber noch nicht erreicht ist. Woran man glaubt und worauf man vertraut. Was jedoch hält man für unmöglich und wichtig zugleich? In welchen Situationen und vor wem hat man Angst und wann fühlt man sich stark und klar? Dies nur als Anregung für eine Liste, die umfänglich die derzeitigen individuellen Stärken und Schwächen in einer nüchternen, nicht zu bewertenden Analyse einmal niederschreibt.

Dann gehe man in eine solche Bilanz mit seinem Fühlen herein und schaue, ob das, was so automatisch abläuft, nicht an der einen oder anderen Stelle eine Änderung vertragen kann. Ob nicht doch der eigene Mut hin und wieder neu erprobt werden will und manche Zurückhaltung aufgegeben werden müsste. Auch umgekehrt kann es angesagt sein, je nachdem wo sich der einzelne Mensch in seinem Sosein befindet.

Auszeit im Herzen und Kopf mit einer ehrlichen Bilanz geschieht vermutlich viel gründlicher als auf der so genannten einsamen Insel, die einen doch wieder zurückschleudert in Zeit und Raum. Und damit zurück in die alten Probleme, die mitnichten gelöst sind, nur weil man sich vom Ort seines Lebens für kurze Zeit verdrückte.

Auszeit kann nur Neuzeit genutzt werden. Neu werden, obschon ich im Alten physisch verbleibe. Neuwerden ist auch Verjüngung – und sei es kurz vor dem eigenen Tod. Neuwerden braucht Abstand zu sich selbst, die mit einer Auszeit in Kopf und Herz zu einer wunderbaren Einkehr werden kann.