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10. November 2013

Erinnerungen

Störungen im Gefüge der eigenen Vergangenheit?, fragt Christa Schyboll

Unser Langzeitgedächtnis mag sich an vieles erinnern. Doch der Träger der Erinnerung hat sich seit den Ereignissen selbst auch stark verändert. Ist unsere Erinnerung auch eine Frage von mittlerweile veränderter Interpretation und Gefühl, bei dem keineswegs nur die Fakten zählen?

Jedes Thema kann man von mehreren Seiten angehen. Zum Beispiel wissenschaftlich oder wirklichkeitsgemäß. Beides kann sich decken und zugleich widersprechen. Das ist kein Widerspruch, wie wir gleich sehen werden. Denn unsere Erinnerungen gehören zu jenen fragilen Gebilden, wo die Frage nach Wahrheit und Wissenschaft gern schon einmal einen Salto schlägt und sich schmunzelnd auf der harten Matte des Alltags abrollt.

Wir wissen alle, dass Erinnerungen mentales oder geistiges Wiedererleben früherer Erlebnisse oder Erfahrungen sind. Unser autobiographisches Gedächtnis hat Ereignisse abgespeichert, die es uns hin und wieder als Brocken vor die Füße wirft. Sie kommen manchmal ganz ohne äußeren Anlass in uns hoch oder wurden durch einen geheimen Reiz oder eine offene Frage ausgelöst. Sofort passiert etwas mit uns, das in Sekundenschnelle abläuft. Dabei denken wir auch nicht wirklich nach, sondern leben zunächst einmal in einem Gefühl, aus dem heraus wir darüber sprechen oder nachdenken. Dabei spüren wir, dass wir so manches vielleicht noch nicht einmal verdaut haben. Dass da eine Erinnerung verdrängt oder vergessen war, weil es gute Gründe dafür gab, deren Inhalte durchaus schlecht sein können. Denn unserer Seele mangelt es hin und wieder auch an Verdauungsenzymen, wenn bestimmte Ereignisse nicht verarbeitet werden konnten. Die Masse der verschüttet gegangenen Erinnerungen ist jedoch auch eine Kapazitätsfrage, da (fast) kein Mensch alle Ereignisse ständig präsent haben kann. Dafür ist unsere Welt zu komplex.

Das Fatale an unserem Erinnerungsvermögen ist die ziemliche Zuverlässigkeit seiner häufigen Störungen, die jedoch vom Durchschnittsmenschen gern abgestritten wird. Er behauptet gern, dass es genau so war, wie er es schildert. Natürlich ahnt er, wenn er nur ehrlich und selbstkritisch in der Eigenbeobachtung ist, dass seine Schilderung an Vergangenes äußerst gefärbt daher kommt. Er erzählt eben seine Sicht. Sei es, um Recht zu behalten oder eines anderen Alibis wegen. Sei es aus Verletzung, Wut, Ärger oder sonstigen Gründen. Manch ein Mensch verfügt aber auch noch über ein ordentliches Maß an endogenen Drogen, die beim Erinnern ebenso eine Rolle spielen können, wie eine überbordende Phantasie oder eben jener Verdrängungsmechanismus, der viele Gründe hat, eine Erfahrung so umzubauen, dass der Erinnerer damit besser leben kann. Ist ein Zeuge dieses betreffenden Geschehens anwesend, kann es unter Umständen zu heftigen Auseinandersetzungen über den Wahrheitsgehalt fühlen, obschon ein jeder es aus seiner Sicht schildert. Wie viele Streitigkeiten sind nur schon aufgrund subjektiver Erinnerungen und Erlebnisse unter Menschen ausgetragen worden!? Einen Konsens zu erreichen, ist oft selbst bei vorhandenen Fakten schwierig, weil sich die innere Erlebniswelt eines Menschen auch in der gleichen Situation unter Umständen krass von einem anderen Menschen unterscheiden kann. Was das alles vor Gericht bedeutet, kann wohl niemand wirklich ermessen. Auch nicht, welche Fehlurteile unter Umständen in aller Unschuld dabei geschehen.


Verfärbte Erinnerungen


Das Langzeitgedächtnis mag sich an vieles erinnern, aber es vergisst dabei häufig, dass sich der Träger dieser Erinnerung längst verändert hat. Er ist nicht nur biologisch um vielleicht viele Jahrzehnte gealtert. Er hat auch nicht nur komplett all seine Zellen bis dahin x-fach erneuert, sondern vor allem hat sich sein Charakter, sein Gemüt, sein Wesen so stark verändert, dass die Tatsachen seines früheren Lebens heute in einem völlig anderen Licht erscheinen. Orte, Zeiten, Personen mögen dabei noch identifizierbar und nachweisbar sein, aber die Geschehnisse selbst, um die es geht, haben in der Zwischenzeit einen langen Treck durch das unstete Bewusstsein seines Trägers durchlaufen.

Zwischendurch kam es dabei zu Überfällen merkwürdiger Art. Es kam vielleicht in Einzelfällen zu Einbrüchen, Kämpfen und Siegeszügen, die unbewusst oder halbbewusst abgelaufen sein mögen im Gedankenkreis des Betroffenen. Oder vielleicht auch in seinen Gefühlen, die zu verarbeiten suchten. Es wurden kleine und große Welten bewegt, die wiederum ihren Beweger bewegten. Und damit auch die Erlebnisse früherer Zeiten, die wir nun als Erinnerung festschreiben.

Trotzdem bestehen wir darauf, uns an dieses und jenes extrem genau erinnern zu können. Wir wissen um den Duft, um das Glück oder den Schmerz, den wir vor vier Jahrzehnten hier oder dort erfahren haben. Wir wissen um ein gepunktetes Kleid, das Quietschen der Bremsen, das Erwachen im Krankenhaus, Frauenhaus oder Priesterseminar. Wir sind uns einfach sicher, dass es so war, wie wir es jetzt schildern. Deshalb können wir unsere erinnerte Behauptung auch als subjektive Wahrheit vertreten. Und mehr als sicher kann man sich eben nicht sein! Oder doch? Oder nicht? Aber wem sollen wir denn vertrauen, wenn nicht uns selbst und unserer Erinnerung, die uns bis heute prägt durch das, was sie selbst als Wahrheit für sich anerkennt?