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15. November 2009

Das ganz normale Chaos… und die liebe Familie

Gedanken rund um unsere Lieben von Christa Schyboll

Der Wecker schrillt unbarmherzig. Es ist schon wieder sechs Uhr. Es ist schon wieder zu früh, schon wieder Mittwoch und schon wieder nasskalt draußen. Es ist schon wieder wie immer – und immer falsch und völlig normal zugleich.

Das Gedrängel im Bad, die Rufe durch das Haus, die wieder nicht vorhandenen Brötchen, weil keiner zum Bäcker schnell um die Ecke laufen wollte. Dann gibt es eben keine und es wird das Brot von gestern oder von vorgestern gegessen. Auch gut. Irgendwelche Kompromisse beim morgendlichen Stress müssen schließlich gemacht werden.

Der größte Stress jedoch: Die Sucherei. So überflüssig wie ein Kropf. Trotz ständiger Ermahnungen, am Abend vorher sich alles bereit zu legen, was morgens gebraucht wird: Es ist partout nicht in den Kopf der Liebsten zu bekommen! Ihre treuherzigen kleinen Dauerlügen wie „Schon erledigt!“ … „Mach ich gleich!“ … oder „Hab ich schon!“ lösen spätestens in aller Frühe am nächsten Stressmorgen dann an Szenen aus, die Drehbuch reif sind. Es beginnt mit dem nervösen Suchen, steigert sich in Beschuldigungen, wer was denn nun schon wieder verschlampt oder verlegt, sich einfach frech genommen oder versteckt hat – und kann übergehen in einen handfesten Krach, noch bevor der duftende Kaffee nur ein einziges Mal den Gaumen berühren durfte. Und das alles vor Beginn eines reichen Arbeitstages, voller Anforderungen, Stress, vielleicht noch einer wichtigen Klausur oder dem überfälligen Gespräch mit dem Chef, das anstrengend zu werden droht.

Sind alle in der Familie gleichermaßen mit dem Auszug aus dem gelobten Land der heiligen Familie betroffen, werden nochmals schnell die Türen geknallt, hier und da innerfamiliär Küsschen oder wütende Blicke verteilt, mit Versprechungen oder Bedrohungen oder mit der Bitte nach einem bestimmten Essen zu einer bestimmten Zeit, das die garantierte Eigenschaft hat, keinesfalls mit dem Essenswunsch anderer Familienmitglieder auch nur halbwegs überein zu stimmen.

… und Ruhe ist im Karton!

Wer nun das Glück hat, in Ruhe zuhause sein oder arbeiten zu dürfen, wird nochmals zur Tasse greifen, tief aufseufzen, durchatmen… und sein Tagwerk nun in Ruhe beginnen. Denn morgen ist wieder Mittwoch, auch wenn er sich Donnerstag nennt, es ist wieder Chaos, der sich nebelig anfühlt, obschon die Sonne hinter den Wolken erscheint und das Gesuchte ist in einer vielen Parallelwelten des eigenen Heimes vorübergehend unauffindbar – bis spätestens zum frühen Nachmittag, wo es aus dem Nichts wieder auftaucht.