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16. November 2009

Familiendemokratie – Eine fiese genetische Benachteiligung?

Über die täglichen Ungerechtigkeiten von Christa Schyboll

Per Gesetz leben wir in einer Demokratie. Wir haben ein recht darauf, demokratische Verhältnisse in unserem Leben zu erwarten und darin auch dann unsere Pflichten zu erfüllen. Diese Demokratie ist in unserer Familie ausgehebelt. Wir leben sozusagen in einem anarchistischen Zustand, der voll ist von bedrohlicher Rebellion.

Irgendjemand ist immer da, der autokratisch irgendetwas befiehlt und brutal durchzieht. Zum Beispiel derjenige, der mit dem Kochen dran ist. Man glaube doch nicht, es gäbe die demokratische Gepflogenheit, ernsthaft darüber abzustimmen, wer denn gerne was essen möchte. Nein, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Und schmeckt das nicht, ist keineswegs immer noch eine echte demokratische oder geradezu barmherzige Alternative im Kühlschrank zu finden. Glück hat immer nur der in unserer Familiendemokratie, der selbst kochen kann.

Oder die Sache mit dem Geld. Man glaube doch nicht an eine gerechte demokratische Verteilung! Nein, jeder bekommt völlig andere Summen je nach Alter, Einkommen und … ja Sonderzuteilungen. Streber in der Familie, die freiwillig den Rasen mähen, stehen finanziell besser da, nur weil sie mit Streberblut auf die Welt kamen. Eine fiese genetische Benachteiligung! Die, die mehr die Lebenskünstler in der Familie sind und mit ihrem Sosein die Welt bereichern, haben mal wieder die A…-Karte gezogen.Und das soll demokratisch sein, fair und gerecht? Es ist schlicht und einfach die Hölle!

Oder die Sache mit den Autos. Fünf Personen, drei mit Führerschein: Auch hier ein ständiges Tohuwabohu, weil sich dieser Zahlenumstand dann wiederum auf nur zwei Autos verteilt. Dem stehen aber immer zwischen 3-5 äußerst verschiedene Bedürfnisse in äußerst verschiedenen Himmelsrichtungen zu äußerst verschiedenen Zeiten gegenüber. Und ein Taxi zu nehmen geht eben finanziell nicht. Auch ist das Fahrrad oder der Fußgang keineswegs immer angesagt. Dabei sind es nicht nur die Entfernungen, die das verunmöglichen, sondern hin und wieder bei Regen auch die Frisur, der Bänderriss vom letzten Tennisspiel oder das frisch gestärkte Ballkleid, das natürlich nach einem feinen Auto und nicht nach einem Fußweg schreit. Wo sind da die demokratischen Entscheidungen, die klar sagen, dass die Disko wichtiger oder unwichtiger ist, als das gerade begonnene Länderspiel – der Volleyballverein nun mal leider viel zu weit jetzt vom Volkshochschulkurs Tai Chi nicht nur entfernt liegt, sondern zudem erst eine Stunde später beginnt?

Demokratisches Chaos in einer gut funktionierenden Familiendemokratie? Wäre dem abzuhelfen, wenn man einfach strengere, klarere innerfamiliäre Gesetzesvorlagen schriftlich beschließt? Am besten gleich als unendliche Loseblattsammlung strukturell angelegt für die ständigen Fortschreibungen der Ausnahmeregelungen, Sonderbehandlungen mit Übergangsvorschriften?