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08. Juni 2012

Heiße Stadien

Wie die neue Fankultur die Hölle erst so richtig heiß macht, von Christa Schyboll

Der Abendhimmel ist bereits verdunkelt. Das Spiel läuft seinem dramatischen Höhepunkt entgegen. Plötzlich blitzt Feuer auf. Die Welt des Stadions wird in leuchtend roten Nebel getaucht.

Rauchschwaden wabern über die Ränge und die Fans toben. Alles scheint außer Rand und Band. Es sieht aus wie Krieg. Es hört sich auch an wie Krieg. Und das nur, weil die gegnerische oder die eigene Mannschaft ein Tor geschossen oder nicht geschossen hat. Man muss sich das einmal vorstellen. Und unter Umständen beginnt jetzt der Sturm aufs Spielfeld, wohin Tausende Fans zugleich drängen. Die Gefahr der Massenpanik mit allen möglichen gesundheitlichen bis tödlichen Folgen werden in Kauf genommen.

Sieht man diese Bilder, traut man seinen Augen kaum. Was ist da eigentlich los? Nein, mir fehlt es keinesfalls an Phantasie, sich vorzustellen, dass man sich über bestimmte Szenen gerne freut oder sich zu anderen Szenen einer Sportveranstaltung ärgert. Aber es hat ein Ausmaß angenommen, dass nicht nur sicherheitstechnisch hinterfragt wird und mittlerweile auch erste Priorität bei Polizei, Politik und Sportverbänden samt den Fanclubs aus der Not bekommen hat.

Ich frage mich, warum kochen Gefühle für solche "Nichtigkeiten" plötzlich so extrem hoch, dass solche enormen Gefahren dabei in Kauf genommen werden? Selbst als Fan von was auch immer muss doch klar sein, dass es sich hier nicht mehr um den Ausdruck von Freude handelt, sondern um einen schier irren Leichtsinn, der in Wahnwitz umzukippen droht und Gesundheit und Leben vieler Menschen kosten kann. Von den Kosten dieses ausgeuferten Irrsinns will ich lieber schon ganz schweigen.

Fans sind hochemotionale Menschen. Das ist etwas sehr Schönes und trägt eben zur jener anfeuernden Stimmung bei, von denen auch die Sportler mit getragen werden. Ein emotional schwacher Fan wird kaum mit Schlachtrufen und Anfeuerungen dazu beitragen, dass der Sportler wirklich nochmals die letzten Reserven aus sich herausholt und zu einem Sieg trägt. Soweit sind sich gewiss die meisten Menschen einig.

Aber diese schöne und gewünschte Begeisterung läuft immer häufiger aus dem Ruder. Nicht einmal die Gesetzeslage scheint noch auszureichen, um diese Szenarien in den Griff zu bekommen. Sind all das noch normale Emotionen? Braucht Anfeuerung und Begeisterung tatsächlich auch reales Feuer? Reicht es nicht, wenn wir das Seelenfeuer aufleuchten lassen, aber unser Körper dabei mal ganz schön gelassen auf seinem Sitz bleibt und alles weiter unter Kontrolle hat? Was ist es, dass alles immer mehr eskaliert. Hätte man eine Antwort, wäre man ein Stück weiter. Vielleicht gibt es auch gar keine einheitliche Antwort. Dennoch ist die Situation in den Stadien jetzt so heiß im wörtlichen Sinne, dass sich jeder, der dort noch hingeht, diese Frage selbst stellen muss. Allein schon der eigenen Gesundheit zuliebe.