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12. Mai 2014

Zufall und Enter

Schlägt das Schicksal nur zufällig zu?, fragt Christa Schyboll

Jeder Mensch stößt die Türen der eigenen Erfahrung selbst auf. Was sich dahinter verbirgt, kann gute oder böse Überraschungen bieten. Doch was alles hat der Zufall mit diesen besonderen Weichenstellungen des Lebens zu tun? Was ist Schicksal und was haben wir selbst in der Hand?

Es gibt sie natürlich immer noch: Diese alte Art der schicksalhaften Zufallstreffen im Leben! Es macht Klick zwischen zwei Menschen! - und der oder die Richtige steht im rechten Moment im Leben zur Stelle. Aber es wird immer seltener, weil sich der so genannte Zufall immer weniger ereignen darf. Er ist im Netz des menschlichen Managements gefangen, weil er sich rein zeitlich als untauglich für den Gegenwartsmenschen gebärdete.

Solche Formen des zufälligen Kennenlernens verabschieden sich also langsam aus dem kollektiven Erleben. Der moderne, zeitökomisch bewusste Mensch der Moderne nutzt wegen all dieser vielen Unwägbarkeiten, die der alte Zottel Zufall anbot, nun lieber doch das Internet. Da weiß man, was man hat. Da kommt man schneller vorwärts mit allem und jedem. Auch mit der Liebe, wenn man nach ihr sucht. Und solche Suche darf man keinesfalls dem schnöden Zufall überlassen. Dann verpasst man am Ende das Bessere, das in den anderen Nischen des Netzes sehnsuchtsvoll wartet. Sehnsucht, Liebe, Glück und all diese Dinge werden immer planbarer, weil der Mensch aufgrund seines So-Seins selbst sich seiner Nichtplanbarkeit mehr und mehr entledigt. Irgendwie ist man geplant doch einfacher zu handhaben und bekommt schneller, was man sich wünscht. Auch Partner. Und zugleich bietet diese Form doch wunderbare Vorteile: Man darf das alles im bequemen Jogginganzug selbst managen und hat vielleicht sogar noch eine Menge Spaß dabei mit einem kühlen Bierchen im gemütlichen Zuhause. Wenn der Kopf voller Spaß ist, wo soll sich kritisches Nachfragen dann entwickeln. Der Raum ist doch bereits besetzt.

Die Vorteile dieser Methode, dem ollen Zufall endlich seine alte Macht zu entziehen, liegen klar auf der Hand. In gewisser Weise auch in der Hand, da die Hand per Tastatur alles Wesentliche in diesen Dingen technisch vorab klärt. Per Tastatur führt man den Willen aus mit "enter". "Enter" ist der Zauberer schlechthin. Er ist auch der Befreier und die eigene Schutzpolizei. Er lädt ein oder kickt aus. Was oder wen auch immer. Dinge und Menschen, Begriffe oder Diskussionen, als das ist ein Mischmasch augenblicklicher Beliebigkeit.


Digitales Flirten


Der Zauberer mit Namen Enter in der eigenen Hand führt alles aus. Der Wille, die Lust, das Begehren auf was auch immer und ist fast grenzenlos steuerbar. Auch über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg. Selbst die automatisierte Translations-Funktion kann jeden mit Enter ins Reich der kyrillischen Schrift ebenso blitzschnell transferieren, wie ins Arabische oder Sanskrit. Die Ungenauigkeit spielt keine Rolle. Sind doch nur Worte. Gelaber meist. Aber macht Spaß! Jede Eingabe jederzeit, von was auch immer: Enter. Wer glaubt, enter sei lediglich eine Tastatureingabe, der irrt. Das Ganze ist nicht nur eine technische Angelegenheit, sondern ein Phänomen mit weitreichender Bedeutung, deren Auswirkungen erst in späteren Zeiten genauere Auskunft darüber geben, wie diese Möglichkeit uns tatsächlich innerlich in unserer Struktur verändert hat. Die Vorteile des Ganzen liegen auf der Hand. Das wirkliche Geheimnis dahinter keinesfalls. Es ist größer als man ahnt.

Das erste Date. Enter, wenn es optisch oder sonstwie nicht passt! Das ist bequem. So sind die Spielregeln. Das weiß jeder. Da soll sich niemand anstellen. Enter ist noch die harmlose Version, wenn man ausgekickt wird. Fast schon die freundliche, wenn sonst nichts passiert. Jeder darf es, jeder kann es.

Aber was ist mit der Liebe? Entert man sie am Ende zu früh weg? Gibt man aufgrund der scheinbaren Überfülle dem Geheimnis keine Chance mehr? Ist man auf der Suche nach dem noch Besseren längst einer Sucht verfallen? Was ist denn mit dem Zufall, wenn alles kalkuliert eiskalt über enter abgewickelt wird?

Manche benutzen auch gleich das Bildtelefon. Vielleicht, weil sie des Tippens nicht so kundig sind, weil sie lieber sprechen und hören, statt schreiben. Die menschlichen Vorlieben sind unterschiedlich in ihrer Art. Dank Skype und enter kann auch hier schnell die Verabredung gemacht und wieder unterbrochen werden. Der innere Terminplaner wird schon nach zwei, drei Minuten fühlen, ob dieser ganze Zirkus vertane Zeit ist oder doch noch irgendwas herausspringt. Im Zweifelfall enter!


Virtueller Smalltalk


Die erste Kontaktaufnahme geschieht bei vielen Nutzern in Chats, die von vornherein zum Kennenlernen konzipiert sind. Auch Themenforen oder Communitys sind geeignete virtuelle Orte, die Vorteile versprechen, die dem alten Zufall den Rang ablaufen, was die Möglichkeiten angeht. Hier gibt es gleich schon eine erste sinnvolle Eingrenzung insofern, als man in solchen themenbezogenen Chats oder Foren Gesprächspartner finden kann, die die entsprechende Thematik ebenfalls interessant finden. Seien es Politik, Ökologie, Ornithologie, Kunst, Kino, Film, Musik, Mode, Philosophie oder Literatur, um nur ein paar Klassikern unter tausenden von möglichen Themenchats zu finden. Auch die Themenexoten werden bedient, da kein Wissens- oder Hobbybereich mehr ausgeschlossen ist.

Wer sich in diesen virtuellen Räumen umschaut, weiß, dass er nun Gesprächspartner trifft, die sich für das gleiche Thema interessieren und vielleicht sogar sehr fundierte Kenntnisse haben, die ein sachliches Gespräch höchst spannend machen.

Oder man selbst kann etwas geben, auf das man stolz ist es als Wissensschatz zu besitzen und sich darüber freut, wenn jemand Interesse zeigt. Das alles ist für jene gedacht, die nicht (nur) auf schnellen Flirt oder billige Anmache aus sind. Denn in der Tat ist es so, dass das Internet die komplette Bandbreite vom Schönen bis zum Abartigen bietet. Beeindruckendes Niveau bis in den ekligen Sumpf des Unmenschlichen ist alles hier dem Zufall des Lebens entrissen und zeigt sich immer steuerbarer auf der Bühne im weltweiten Disneyland des Geistes. Jeder entscheidet auf seinem eigenen Level, wo er sein enter setzt. Sein Wegweiser ist sein Wille und sein Bewusstsein. Die Türen zu seinen Erfahrungen stößt er selbst auf und verantwortet sie auch, wenn er sie betritt.

Und dennoch gelingt es ihm nicht, den Zufall aus seinem Schicksal herauszuhalten, auch wenn er noch so plant und entert!