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14. März 2017

Zur Freiheit und der Realität des Bösen

Nach einer Rede zu den Ahrweiler Freiheitswochen 2017. Von Christa Schyboll

Das Böse gehört zu unserer Wirklichkeit. Es lauert überall und strebt danach, von uns gelebt zu werden. Die Eigenschaften des Bösen leben in jedem Menschen. Sie nähren sich vom Unscheinbaren, vom scheinbar Harmlosen. Das sind unsere Fallen, in die wir im Alltag oft hineintappen.

Die Schöpfung schenkte uns die Freiheit, in jeder Situation unseres Lebens Ja oder Nein zu sagen. Damit schenkte sie uns auch die Freiheit zum Lieben oder zum Töten – zum Guten oder zum Bösen. Niemand von uns kann sich zunächst dem Bösen entziehen. Es gehört zu unserer Wirklichkeit, lauert überall und strebt danach, von uns gelebt zu werden. Beweise sind nicht nur die zahllosen heißen Kriege mit all den unsäglichen Gräueltaten, die Menschen sich gegenseitig antun, sondern wir erleben das Böse auch im konkreten Alltag des Friedens. Im Beruflichen, in unserer Freizeit und im ganz privaten Umfeld und mit uns selbst.

Aber warum widerstehen wir nicht wenigstens in unserem Alltag dem Bösen? Wohl auch, weil wir verführbar sind. Zudem sind wir oft recht gedankenlos und haben die Konsequenzen unseres Handelns nicht immer voll im Blick. Gedankenlosigkeit ist eine schlimme Krankheit, die leider nicht blutet. Dazu kommt, dass unser freier Wille erst schwach und zart ausgebildet ist und er noch viel mehr moralische Stärke durch Erkenntnis braucht, um bestimmte Dinge nicht mehr tun zu wollen. Wie oft begegnen wir unserem inneren Schweinehund, hören ihn laut bellen, aber scheren uns keinen Deut um die Stimme unseres Gewissens?

Die Eigenschaften des Bösen lauern in jedem Menschen. Sie nähren sich vom Unscheinbaren, vom scheinbar Harmlosen. Das sind unsere Fallen, in die wir im Alltag oft hineintappen. Nährboden für das Böse im Kleinen können beispielsweise Verlustängste sein, wo wir je nach Situation oder persönlich empfundener Not auch bösartige Verteidigungsstrategien entwickeln können. Oder die Sache mit der Eifersucht, dem Neid, der Missgunst stellen unser Handeln immer wieder vor neue Bewährungsproben. Andere Mitmenschen streben vielleicht eher die Übervorteilung an oder stecken voller Geiz, lieben die üble Nachrede oder den heimlichen Verrat, um nur einige der uns allen wohlbekannten Unarten zu nennen. Diese verursachen alltäglich neues Leid. Es sind die kleinen seelischen Tode, die wir uns im Alltag gegenseitig bereiten, weil sich das Böse in uns immer wieder neu durchsetzt. Leider auch gegen unseren Willen.


Womit widerstehen wir dem Bösen?


Viele Menschen definieren das Böse als etwas, das vor allem auch gegen das persönliche Wohlempfinden verstößt. Hier wird das Böse häufig falsch kategorisiert. Denn oft ist das, was nicht gut tut, unter Umständen doch das Richtige oder das Bessere, wenn man die Dinge nur konsequent weiterdenkt. Man denke hierbei auch an Goethes Faust. Dort heißt es: Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Die Dinge sind oft anders, als sie scheinen. Für mich ist das Böse ein Zwischenstadium der Entwicklung zum Guten hin. Wer das Gute durch Mitmenschen erfährt, wird bestrebt sein, diese Erfahrung zu wiederholen, weil sie eine Lebensqualität ist, nach der er sich immer wieder neu sehnen wird.

Doch um dem Bösen nach und nach widerstehen zu lernen, brauchen wir ein hellwaches Bewusstsein und eine kritische Selbstreflexion über unsere eigene moralische Haltung und Intension. Hier geht es dann nicht mehr um abstrakte philosophische Exkursionen, sondern um Mitmenschlichkeit und Humanismus, der über bloße Lippenbekenntnisse hinausgeht und eine Gemeinschaft von Individuen schöpferisch und friedlich zusammenleben lässt.

Es stellt sich die Frage: Kann man, wenn man frei ist, tatsächlich noch böse sein? Oder kann man, wenn man noch böse ist, überhaupt schon frei sein? Oder kann man nur frei sein, weil man eben auch die Freiheit zum Bösen hat?

An jeder dieser drei Fragestellungen kann man sich die Zähne ausbeißen.

Wir erleben unsere Freiheit an vielen Stellen des Lebens als eingeschränkt. Sei es durch die natürlichen Einschränkungen, beispielsweise der Schwerkraft, oder all die vielen juristischen/gesetzlichen menschengemachten Einschränkungen, wo uns bei Übertretung Bestrafung droht. Gebote und Verbote, die auch das sogenannte Böse betreffen, begegnen uns also auf Schritt und Tritt auch in unseren als freiheitlich orientierten Gesellschaften. Dennoch können wir uns frei über diese Gebote und Verbote hinwegsetzen, wenn wir zum Beispiel Strafe oder im Extremfall sogar den Tod mit in Kauf nehmen.

Es ist letztlich eine Frage von persönlicher Radikalität, ob wir uns von irgendwas oder irgendwem hemmen lassen, wenn wir uns Freiheiten herausnehmen. Unabhängig davon wie verboten, klug, absurd oder tödlich sie sein mögen.


Denkfallen lauern allerorten


Eine weitere Einschränkung der Freiheit kann das persönliche Gewissen sein. Denn unser Handeln richtet sich letztlich nach den eigenen ethischen und moralischen Regeln, mit denen wir uns dann freiwillig unter ein Selbstdiktat stellen können. Fragen Sie sich doch einmal selbst: Worauf beziehen Sie ganz persönlich den Begriff der Freiheit, wenn es um Sie selbst geht? Ist damit die Freiheit im privaten Bereich gemeint? Oder im beruflichen, politischen, sozialen Umfeld? Was ist mit der Freiheit in der Partnerschaft? Welche Demarkationslinie erträgt sie denn? Oder was ist mit der Glaubensfreiheit?

Können wir überhaupt etwas glauben, wenn wir zuvor weder Anleitungen, Informationen noch Erfahrungen in einer religiösen Tradition erlebt haben? All diese Bereiche haben eine ganze Reihe individueller Voraussetzungen, weshalb der Begriff der Freiheit hier in jedem Einzelfall streng differenziert werden muss.

Und müssen wir nicht überall ständig viele Kompromisse machen, weil sich unsere Freiheit an den Grenzen der Freiheit eines anderen Mitmenschen wund scheuert? Ich erinnere an Kants kategorischen Imperativ. "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Da wird es um den Begriff der Freiheit doch recht schnell eng, weil so viel Rücksicht gefordert ist. Aber wären wir denn frei, wenn wir rücksichtslos wären!?

Nicht wenige Mitmenschen tappen in die Denk-Falle, Freiheit vor allem von äußeren Bedingungen abhängig zu machen. Zum Beispiel von der Frage der vielen Verpflichtungen, die wir in uns verspüren oder die Frage von Macht oder Geld. Aber sind denn die Mächtigen der Welt oder die Reichen tatsächlich freier? Können sie machen, was sie wollen? Manche Despoten nehmen sich tatsächlich viel heraus, schrecken vor Manipulationen, bösartigen Machenschaften und Mord nicht zurück. Aber sind sie deshalb freie Menschen? Oder sind sie in ihrer scheinbaren Omnipotenz krank, getrieben oder wahnsinnig?

Was die Despoten der Weltgeschichte an Bösem erzeugten, brauchen wir alle zum Glück nicht durchzumachen. Dennoch lebt das Böse in kleiner Form auch im Alltag unseres Lebens, wie eben ausgeführt wurde. Wir müssen nur selbstkritisch und ehrlich hinschauen. Es liegt überall auf der Lauer und strebt nach Leben!

Das Gute in uns, das wir zu entwickeln haben, ist die Instanz, die darüber entscheidet, ob und wie viel Raum wir dem Bösen geben. Diese Entwicklung zur Freiheit und zum Guten ist ein lebenslanger Prozess und verlangt ein hohes Maß an Verantwortung über unser Handeln. Das wiederum baut auf der Qualität und Reife unserer Gedanken und Gefühle auf.


Freiheit, die ich meine


Bei der Gedankenfreiheit beginnt erst die tatsächliche Freiheit. Es ist nicht die Freiheit des Willens, wie auch Rudolf Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" ausführt, die uns frei macht, sondern es ist das Erkennen, auf dem wir unsere Entscheidungen gründen. Hier erst können wir frei werden, wenn wir die moralische Intuition erringen und das Handeln frei gestalten. Damit ist eine Fähigkeit gemeint, dass wir die intuitiv erfassten moralischen Impulse auch umsetzen – und nicht nur denkend bejahen. Darauf begründet sich auch der ethische Individualismus. Die Erkenntnis, die dafür vonnöten ist, ist das Ergebnis einer Bewusstseinstätigkeit, die sich darum bemüht, eine klare Einsicht in die Wirklichkeit zu gewinnen.

Freiheit bedeutet für mich persönlich also kein Freiwerden von Verpflichtungen aller Art, sondern bedeutet für mich es ein inneres Freiwerden für etwas, das ich dann selbst frei bestimme. Sich frei für etwas entscheiden zu können, weil man die Konsequenzen daraus begriffen hat und voll verantwortet, erst da beginnt wirklich der freie Wille des Menschen! Der große Irrtum, der noch wie ein Schattenwurf über dem menschlichen Bewusstsein liegt, ist diese mangelnde Unterscheidung zwischen Willens- und Gedankenfreiheit. Die Tragweite dieses ausschlaggebenden Unterschiedes in Sachen Freiheit zu begreifen, ist unverzichtbar, wenn man sich zur Freiheit hin entwickeln will.

Aber was ist die Freiheit ohne die Liebe? Sie ist der Höhepunkt – ein grenzenloses Endziel für jeden Menschen. Wer liebt, ist nicht böse… Er kann es gar nicht mehr sein – weil er sonst noch nicht bedingungslos liebt.

Die Auseinandersetzung zum Thema Freiheit und das Böse, aber auch die feine Unterscheidung zwischen der Gedankenfreiheit und der Willensfreiheit ist ein lohnender Prozess für die eigene Persönlichkeits- und Freiheitsentwicklung. Dabei möge uns alle die unwiderstehliche Freude und Lust zu lieben und geliebt zu werden helfen, die Liebe zum Leben und zur Freiheit zu krönen.

(Der Text basiert auf einer Rede zu den Ahrweiler Freiheitswochen 2017 am 12.03.2017, im Augustinum, Bad Neuenahr)