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09. Juli 2013

Freunde fürs Leben

Sind Freundschaften fürs ganze Leben gedacht?, fragt Christa Schyboll

Freunde stehen uns Menschen in vielen Fällen oft näher als die eigene Sippe. Der Grund liegt in der freien Wahl. Denn wir verbinden uns in der Regel nur mit jenen Menschen gern, die uns auf irgendeine Weise tief ansprechen, uns wesens- oder seelenverwandt sind - selbst dann, wenn sie so ganz anders als wir selbst sein mögen.

Mal ist es das Gleiche des Wesens, was uns verbindet, mal ist es aber auch der Gegensatz, der als angenehmer Ausgleich empfunden wird. In beiden Fällen kann eine lang anhaltende Freundschaft daraus werden. Vielleicht sogar eine fürs Leben.

Freundschaften sind aber fragile Gebilde. Sind sie von Wert, hofft man gegenseitig auf Dauer und Zuverlässigkeit. Man hofft auf gegenseitige Hilfe in der Not, auf Verständnis, Vertrauen und auch Vertraulichkeit. Man möchte Persönliches oder Geheimnisse miteinander austauschen und wünscht sich, dass diese nicht an Dritte unautorisiert weitergegeben werden.

Menschen, die gleich alle Bekannten, die ihnen über den Lebensweg stolpern, schnell zu „Freunden“ kategorisieren, haben häufig noch nicht jenen Tiefenzugang und die Intensität kennen gelernt, die eine echte Freundschaft auszeichnet. Sie stecken oft noch im Sammelmodus und verwechseln Quantität mit Qualität nach dem Motto: „Wenn ich viele Freunde habe, bin ich ein äußerst beliebter Mensch!“ Aber die echten Freundschaften brauchen Zeit, Pflege und Dünger… und Krisen, an denen sie sich bewähren und wachsen können.

Zerbrechen ehemals sehr gute Freundschaften im Leben, kann es ähnlich dramatisch sein, als wenn ein lieber Mensch stirbt. Das Stadium des Siechtums blieb dabei aber oft so manchem verborgen. Vielleicht traute man sich nicht, näher auf den Keim der Krankheit zu schauen, den diese ehemals gute Freundschaft schon längst infizierte. Dabei zerbricht aber oft nicht nur eine Beziehung, sondern es zerbricht auch eine ganz tiefe Hoffnung, die man in sich trug.

Woran Freundschaften, die man fürs Leben gern bis zum eigenen Tod doch behalten hätte, im Einzelnen zerbrechen, ist sehr unterschiedlich. Oft sind die verschiedenen Entwicklungen der Persönlichkeiten, die freundschaftlich verbunden sind, im Laufe des Lebens so sehr auseinander gedriftet, dass es immer schwieriger wird, eine gemeinsame Sprache, eine Seelensprache zu finden. Charakter, Beruf, Familie, Partner - ständig fließen neue Veränderungen in dieses fragile Gebilde. Es kann schwer werden, ehrlich zu bleiben, weil auch die Ehrlichkeit oder die eigene Sicht der Dinge plötzlich übel genommen wird, selbst wenn man sie sensibel formuliert. Probleme, die es früher nicht gab, können ein Riesenproblem werden. Frühere Offenheiten beginnen ein Versteckspiel, weil ungute Erfahrungen mit Reaktionen gemacht werden. So kann auch eine wirklich sehr gute Freundschaft im Laufe des Lebens an scheinbaren Nichtigkeiten zerbrechen. Aber diese Nichtigkeiten sind nicht wirklich nichtig. Sie sind ein Spiegel und ein Gradmesser. Der Anlass selbst mag nichtig sein. Aber er ist Probe, Prüfung, notwendige Krise - um zu zeigen, wie sich der andere und auch man selbst sich im Laufe eines Lebens verändert hat.

Freundschaften sind Chancen aneinander. Und auch ein Zerbrechen muss nicht das letzte Wort sein, wenn das noch Tiefere, dass man zueinander immer schon empfunden hat, lebendig auf leise Weise weiter wirkt.