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01. Juni 2011

Zum Aufhängen!

Über den Frust mangelnder Handwerkskunst sinniert Christa Schyboll

Wenn Sie handwerklich geschickt sind, lesen Sie bitte nicht diesen Artikel, sondern fertigen Sie stattdessen in dieser Zeit irgendetwas Sinnvolles an. Gehören Sie zum anderen Teil der Menschheit, dann lassen Sie sich nicht nur trösten, sondern lassen Sie sich die Welt ganz neu von mir erklären.

Ich habe nämlich herausgefunden, dass Geschickte und Ungeschickte trotz des Lebens auf dem gleichen Planeten dennoch in zwei unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten ihr Tagwerk zu verrichten haben. Und das hat erhebliche Konsequenzen, die bisher von niemandem tief hinterfragt wurden.

Ich hatte kürzlich einen Stapel Gardinen zu kürzen. Da ich mich im Ausland befand und keinen Zugang zu meiner häuslichen Nähmaschine hatte, war ich lediglich profan mit Maßband, Schere, Nadel, Zwirn und vor allem einer guten Portion Ehrgeiz bestückt. Ich wollte mein kleines Werk gut machen. Schlichte schöne Gardinen, aus festem Stoff, die lediglich nur gekürzt werden mussten. Dies stellt gewiss keine Herausforderung an die hohe Kunst der Haute Couture dar, wie es ein Brautkleid oder ein Frack verlangen. Die Sache ist einfach: Abmessen, abschneiden, umnähen, bügeln, fertig.

So naiv ging ich ans Kürzen! Ich hatte wieder einmal völlig vergessen, dass für mich und meinesgleichen andere Gesetze gelten! Aber schneller als mir lieb war, schlugen diese Gesetzmäßigkeiten wie ein Tornado zu und belehrten mich aufs Neue. Es begann mit der Schwerkraft. Die Gardinen im sauber genähten Originalzustand des Herstellers boten mir optisch den Blick einer Gleichmäßigkeit, auf die ich mich verlassen wollte. Als ich sie jedoch sauber und völlig gerade abgeschnitten hatte, hingen sie schief. Das kann nur dann passieren, wenn die Schwerkraft im Raum unterschiedlich gewichtet ist. Jedenfalls hing nach dem exakten Abmessen und Schneiden der Stoff auf der rechten Seite völlig anders als links. Geht das überhaupt?, fragte ich mich besorgt. Natürlich! Ich sehe es ja. Also wurde die gekürzte Gardine wieder abgenommen und neu zu recht geschnitten. Ein wenig schief nun, damit sie anschließend gerade hängt. Immerhin kann ich logisch denken. Natürlich nähte ich sie nicht gleich um, da ich ja nicht dumm bin, sondern kontrollierte mein neues Werk an der Stange. Perfekt! Richtig schön gerade! So sollte es sein! Na, geht doch! Ich nahm sie wieder ab und begann mein Nähwerk, Stich für Stich und wohlgemut. Dann hängte ich sie zur Kontrolle nochmals auf, bevor das Bügeleisen seine Brennkraft als letzten Schritt der Einweihung zur erweiterten Raumästhetik entfalten durfte.

Schnell auf die Leiter und letzte Kontrolle. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Gardine berührte in der Mitte den Boden, den sie aber auf keinen Fall berühren sollte. Rechts hatte sie zwei Zentimeter Abstand und links drei. Eine Art Wellengardine. Wollte man eine solche herstellen, wäre es jetzt so perfekt gewesen. Aber ich wollte eine gerade Gardine. Eine ganz normale gerade Gardine. Nichts anderes.

Ich hatte alles exakt ausgemessen, hatte die verschiedenen Schwerkraftbedingungen an den beiden Seiten der Gardinenstange mit ins intelligente Kalkül des bewusst-kontrollierten Nachschneidens gezogen und genau berechnet, wie schief ich schneiden musste, um dann perfekt gerade zu sein. Und jetzt war alles falsch! Das konnte nur am Maßband liegen. Es war vermutlich falsch berechnet. Ich maß also das Maßband nach und stellte fest, dass sich angeblich darauf kein Fehler finden ließ innerhalb der Zahlenskala von 0 bis 200 Zentimetern. Das war mir gleich verdächtig. Immerhin ist doch so ein Maßband ein billiges Massenindustrieprodukt. Zudem war es genauso lang wie der Zollstock. Na bitte! Wer verlässt sich denn heute schon in Zeiten der Lasermesstechnik noch auf Zollstöcke! Zudem war das Maßband länger als die 220 lange Gardine, die auf 180 im mittleren Durchschnitt so in etwa gekürzt war. Ich überlegte und rechnete wie wild und brachte auch die Raumkoordinaten in sinnvolle Bezüge zur Schwerebeschleunigung durch den Windhauch des geöffneten Fensters. Dann machte ich mir weitere Gedanken über die von mir verwendeten Materialen und stellte fest, dass der Eisenanteil in der Schere und in der Nähnadel in relativen Bezügen gesehen doch ziemlich hoch ist. Das konnte ja nur das elektromagnetische Energiefeld des Raumes ins Chaos stürzen! Wieso war mir dieser Gedanke nicht gleich gekommen! Und was, wenn zudem in dem festen Stoff leicht magnetisierbare Fäden verwebt waren, die dann den Schnitt der Schere zwangsläufig fehlleiten mussten, egal wie sauber ich nun arbeitete? Und was, wenn ein Billigchinese mit Billigkräften und Billigmaschinen zudem den Webstuhl falsch justiert hatte? Und was war mit den großen Metallösen, die bereits eingearbeitet waren? War es nicht nahezu unmöglich, unter solchen Bedingungen einen schlichten, einfachen, geraden Schnitt im festen Stoff zu tun?

Newton, Gravitationfeld, Zentrifugalbeschleunigung, Elektromagnetismus, Primitivwerkzeug… und dann soll auch noch der perfekte Gardinenschnitt gelingen? Das kann nicht gut gehen. Dort wo es dennoch gut ging, kann es nur daran gelegen haben, dass sich recht geschickte Hände intellektuell frech über diese unmöglichen Bedingungen einfach hinweggesetzt haben, was mir als denkendem Wesen natürlich überhaupt nicht möglich ist.

Aber zumindest kann ich nun nach diesen Überlegungen jedem überaus kritischen Blick einer jeden geschickten Schneiderin offen und selbstbewusst begegnen und nachweisen, dass die besondere Konstellation des Raumes und der Newtonschen Gesetze im Zusammenhang mit planetarischen Voraussetzungen ursächlich Verantwortung tragen für die hübschen Wellengardinen, die in einem Paralleluniversum sich als perfekt gerade zeigen werden.