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04. August 2010

Revolution im eigenen Gehirn

Wie man das eigene Gewaltregime stürzt, erzählt Christa Schyboll

Der Diktator der Gedanken hat seinen Regierungssitz im Kopf. In der Großhirnrinde befindet sich sein Chefbüro. Flankiert wird er von einer Schar Bodyguards, die seine schändlichen Nebengedanken repräsentieren. Sein Bürgerkrieg richtet sich absurder Weise gegen sich selbst.

Die Außenwelt und ihre Bewohner jedoch sind ihm perfekte Bühne für sein lebenstragisches Schauspiel. Er denkt sich schlicht und einfach um seinen Verstand.

Insel im Meer seiner Revolution allein sind die Phasen des Tiefschlafes, wo er den Hort lausiger Visionen verlässt und ohnmächtig in die Leere der Nichterinnerung versinkt. Für kurze Zeit das Glück vollständiger Gedankenlosigkeit zu erleben, sich zu regenerieren, auf das sie bereits schon wieder in den Traumphasen an der Beschleunigung seiner inneren Unruhe fuhrwerken können. Spätestens beim Erwachen aber erklingen die Fanfaren zur nächsten Schlacht.

Was steht an? Welche Aufgaben, Termine, Verpflichtungen, Anforderungen, Erwartungen werden an mich gestellt? Was davon schaffe ich nicht oder nur schwer? Wem darf oder muss ich Absagen erteilen, wen enttäuschen, wem nicht gerecht werden? Täglich der gleiche Wahn. Zu viel, zu lastend, zu schwer. Die Gedanken sorgen dafür, dass er nicht nur einen Stellungskrieg bezieht, sondern ständig überlebender Verlierer ist, der täglich immer wieder neu antreten muss. Sisyphos, Sohn der Enarete und des Aeolos, die in seinem Fall Hanspeter und Mechthilde heißen. Und weil er zum Sisyphos verdammt wurde, musste er Diktator werden.

Das Terrorregime ständiger Gedanken, die sich immerwährend um Zukünftiges und Vergangenes drehen, wirbelt uns durch den Tag und die Nacht und lässt uns keine Chance, die frische Luft der Gegenwärtigkeit zu atmen. Die Tragweite dieses Tun kommt uns nur zu selten zu Bewusstsein. Viel zu beschäftigt sind wir in der Regel mit dem Leben an sich, dass uns zugleich zu wenig Raum zum Glücklichsein lässt. Aber das merken wir oft nicht. Der Diktator im Kopf ist geschickt. Im Zweifelsfall geht er uns über körperliche Gebrechen oder Depression an. Aber das braucht oft Jahrzehnte.

Und dabei könnte alles so einfach sein. Würden wir uns nur endlich entschließen, endlich einmal eine gesunde Gedankenkontrolle auf Dauer einzuschalten. Wir würden staunen, wie unser täglicher Stress sich schnell minimiert. Verblüffend, was dabei heraus käme, so wir unser Gedankenheer analysieren, säubern, entsorgen und konsequent nur noch jene zulassen, die tatsächlich wichtig sind. Vor allem wären es schöne Gedanken, die unsere neue Prioritätenliste im Sturm eroberten. Für sie ist allgemein zu wenig Raum vorgesehen. Das interne gedankliche Terrorregime hat gut funktionierende Mechanismen eingebaut. Die Unmenge bedrückender Angstgedanken, die in der Regel unsere noch unbekannte Zukunft betreffen, erweisen sich bei genauerem Hinschauen oft so überflüssig wie ein Kropf.

Doch schnell schaltet sich der Diktator wieder ein und herrscht uns an, gefälligst voraus zu denken, Prophylaxe zu betreiben und uns unserer Verantwortung in der Zukunft gefälligst schon jetzt zu stellen. Täglich könnte uns schließlich ein Komet treffen, ein AKW in die Luft fliegen oder der DAX ins Bodenlose rutschen. Und schon sind wir wieder am Abgrund. Wie Sisyphos mit seinem Fels.

Fühlt man sich dort richtig und wohl, so soll man ruhig da bleiben. Die Menschen aber, die eine andere Version des Lebens für denkbar halten, könnten sich auf den Weg machen. Hinein ins Zentrum des verschachtelten Cerebrums, hinein mit einem eisernen Besen, der all den gedachten Unsinn rauskehrt und die Fenster aufreist für die wärmenden Strahlen Luft zeitloser Gegenwart.