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03. August 2010

Verflixte Gelassenheit

Brief an Reinhold Niebuhr von Christa Schyboll

"Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." (Reinhold Niebuhr)

(Post mortem)

Sehr geehrter Herr Niebuhr,

Ihr Gebet klingelt nicht nur in Gottes Ohren. Kaum ein Zeitgenosse, der nicht von jener flächendeckend globalen Pest heimgesucht ist, die unter den Begriffen Stress, Hektik, innere Unruhe sich ins Leben einnistet wie eine juckende Kopflaus, die man nicht mehr los wird.

Wird man in diesem Zustande akut erwischt, bekommt man sogleich Ihre Zeilen um die Ohren geschlagen, wird ermahnt und gegängelt. Kein Wunder, dass die Forderung nach Gelassenheit nicht selten noch mehr Unruhe zu Tage fördert, da man Zeuge des eigenen Scheiterns wird. Das ist alles andere als schön.

Und dennoch haben Sie mit jedem Wort recht und uns mit Ihrem Gebet etwas Wunderbares geschenkt.

Nimmt man sich die Zeit und erfasst den Sinn nicht nur intellektuell, sondern mit einer ruhigen Region des Herzens, dann tritt Harmonie ein. Es funktioniert. Es sind keine hohlen Worte, sondern es birgt einen Zauber, der wirkt.

Gelassenheit bedingt Vertrauen ins Sein. Das heißt konkret Vertrauen da hinein, dass das, was passiert, jetzt richtig ist, aber keinesfalls zugleich auch schön oder angenehm sein muss. Nicht selten ist es so, dass Belastendes oder schwer zu Tragendes zum Motor für wichtige erweiterte Erfahrung wird, deren Wert man erst viel später erkennen kann. Es ist nicht immer leicht, dieses Vertrauen in einer Zeit aufzubringen, wo Misstrauen zum Alltag gehört und die Medien keine Bad News auslassen, dies in alle Richtungen kräftig zu schüren.

Dann fordern Sie Mut. Gut so! Denn auch er kann nicht genug trainiert werden in einer Zeit, die uns vorgaukelt, mit Geld alles absichern zu können. Das kann man nicht. Erst recht nicht das Wesentliche. Und das ist z.B. auch der Mut zum Authentischsein. Erringe ich mutig diesen Zustand, dann jedoch kann ich die Dinge ändern, die veränderbar sind. Daraus erwächst mir die notwendige innere Kraft.

Und dann die letzte Zutat, die Sie uns anempfehlen: Die Weisheit. Unsere gesellschaftlichen Führer haben sie oftmals ja nicht. Die wenigen Vorbilder, die sie haben und leben, sind leider nicht die, die uns beständig ins Hirn getrommelt werden. Diese Lehrmeister leben oft still und zurückgezogen und zeigen sich nur selten mit ihrer inneren Pracht. Dennoch ist diese Weisheit jedem Menschen erreichbar – und gehört wie der Mut und die Gelassenheit zu jenen Perlen, die zum persönlichen Erwerb keinen äußeren Reichtum benötigen.

Verehrter Herr Niebuhr, ich schaffe das keineswegs immer mit der Gelassenheit. Aber ich bemühe mich, übe und bin sicher, dass ich weiter und weiter in diese Geheimnisse eindringe. Ich beginne mich wohl zu fühlen in dieser selbst verordneten wie notwendigen Schulung und sehe jede Situation der Überforderung als nächste Chance an, die mich zum richtigen Ziele führen wird.

Ich danke Ihnen für dieses Geschenk an die Menschheit.