Anzeige

19. November 2010

Geld

Von armen Schluckern und geistig Verarmten – von Christa Schyboll

Geld ist eines der schärfsten Lebenstatsachen, die zur Einigung und Spaltung unter Menschen zugleich führen, so man es einmal tiefer betrachtet. Die Geschichte des Geldes und ihre weltweite Abhängigkeit ist dabei nicht Schwerpunkt meiner Überlegungen, sondern unser eigenes intimes Verhältnis dazu.

Einig wird man sicher schnell darüber, dass Geld eine durch und durch bequeme Angelegenheit ist, um die Dinge des Alltags zu regeln. Eisennägel gegen Schuhe, Autos gegen Kohlköpfe würde in unserer komplexen Welt nicht mehr funktionieren.

Die Alternativen mit Regionalgeld und Gutscheinen sind ein anderes Thema, das durchaus Spannung verheißt und vielleicht einmal auch eine Kehrtwende in einer anderen Zeit bewirken könnte, die offener wird für intelligente Alternativen. Derzeit ist Geld jedoch unverzichtbar, selbst dann, wenn es physisch durch Kreditkarten mehr und mehr ersetzt wird – obschon die Fed, die amerikanische Zentralbank, sich derzeit nichts desto trotz anschickt, weitere Milliarden Dollar über die Druckermaschinen laufen zu lassen, ohne einen Gegenwert dafür bereitstellen zu können. Spielgeld, vom Ärgsten. Aber auch das berührt (zunächst) nicht unser Anliegen nach unserem ganz privaten Verhältnis zum Geld, das wir derzeit nun einmal brauchen.

Geld ist Fetisch und Versicherung, es ist ein Zeichen von Stolz oder Beschämung. Je nachdem in welcher Lage man sich befindet oder unter welchen Menschen. Was arm ist und reich, ist weniger eine Frage der Summe des Geldes (oder Vermögens, das in Geld aufgewogen wird), als vielmehr eine Frage der Einstellung und der inneren Haltung.

So kann sich der Arme unter anderen Armen mit seiner individuellen Summe durchaus normal oder gar reich fühlen, während er in anderen Gesellschaftsschichten nicht nur als armer Schlucker gilt, sondern vor allem auch so behandelt wird. Geld wird zum Kennzeichen von Macht und Persönlichkeit, die sich in messbarem Erfolg ausdrückt, dessen Hauptkriterium die Vermarktung ist. Selbst unter Geistesarbeitern oder manchen Künstlern mit rein geistigen Erzeugnissen hängt das Damoklesschwert absurder Bewertungen durch finanzielles Aufwiegen, das mit dem Gehalt des Inhaltes oft nichts mehr zu tun hat. Aberwitziger kann eine Sache nicht mehr entgleiten – und dennoch ist es alltägliche Norm.

Problematisch wird Geld dann, wenn der Grad der persönlichen Identifikation an eine Summe gebunden ist. Es nicht zu haben, kann existentiell bedrohend sein. Es zu haben, aber ebenfalls. Denn wenn man ein“ krankes“ Verhältnis zum Geld hat, kann sich auf jeder beliebigen Stufe geldlicher Anhäufungen dennoch eine Art „Verarmungswahn“ einstellen, der für den Betroffenen höchste innere Not bedeutet. Durchaus auch als Millionär. Denn der Blick verschiebt sich und gerät in eine Projektion, die man selbst nicht mehr durchschaut. Die Versklavung unter dem Druck der eigenen Ängste ist perfekt – und der erworbene Reichtum insofern nichts mehr wert.

Geld ist eine prima Sache für die Charakterbildung. Man kann im Umgang mit Geld schnell erkennen, wo jemand steht. Wie geizig oder großherzig er ist, wie gierig oder bescheiden. Bescheidenheit und Großherzigkeit brauchen eine innere Größe. Wie schön, dass diese jedoch vom Geld absolut unabhängig ist – und damit für jeden Menschen in jeder Lage zu erwerben.

Ob dabei dann die Armen oder die Reichen die besseren Karten haben, ist eine sehr schwer zu beantwortende Fragestellung.