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29. Dezember 2014

Albtraum: Falsche Geschenke!

Hand aufs Herz! meint Christa Schyboll

Ja, es gibt sie, diese Aufrechten, die tatsächlich für jeden x-beliebigen Menschen durch Geschäfte rasen, sich durchs Gewühl drängen, an unüberschaubar langen Kassenschlangen anstehen, um wirklich das genau absolut individuell passende Geschenk für einen anderen Menschen zu finden. Gehören Sie auch dazu - oder mogeln Sie hin und wieder, weil dieser Geschenke-Stress überhand nimmt?

Ich gestehe es lieber gleich. Auch ich gehöre hin und wieder (!) zu den Übeltätern in Sachen "Passende Geschenke". Ich verschenke keinesfalls immer nur Neuware, die einzig und allein auf die Vorlieben der zu beschenkenden Person gerichtet ist. In meiner Zeitnot, Einfallslosigkeit oder sonstigem Lebensdauer-Stress verschenke ich hin und wieder auch Dinge, die ich selbst einmal geschenkt bekam, auspackte, stutzte und dann schnell in eine Sonderkiste fürs Weiterverschenken verbannte. Damit setze ich dem an mir selbst begangenen Frevel die Krone auf, halte ihn lebendig und tu alles dafür, dass dieser miese menschliche Zug in der Menschheit erhalten bleibt. Pfui, Madame!

Bei vielem bin ich mir sehr sicher, dass es sich um die gleiche Art "Täterobjekte" handelt, die nun ihre weiteren Kreise durch das soziale Umfeld ziehen und auch gewiss nicht bei mir den Anfang nahmen. Dabei hege ich die stille Hoffnung, dass sie auf einer elliptischen Spiralbahn landen mögen und meinen eigenen Orbit bitte niemals mehr berühren. Das gleiche hässliche Ding in zirka fünf Jahren zurückzuerhalten, wäre ein Albtraum. Aber auch dieser ereignete sich vermutlich schon öfter. Allein mein in manchen Dingen sich verweigerndes Erinnerungsvermögen ist mir dann Zuflucht, dass ich einen vermeintlichen Wiedererkennungseffekt ganz schnell verdränge.

Die Sache mit den "Zeitgutscheinen", die ja in der Tat eigentlich recht sinnvoll ist, hat sich ebenfalls nicht als wirklich alltagstauglich erwiesen. Denn ich habe hinten und vorne viel zu wenig Zeit für die eigenen Belange und auch eigenen Arbeiten und Verpflichtungen, um damit auch noch großzügig bei anderen Menschen nun Stunden für Garten- oder Hausarbeiten zu "verschenken". Und "Spaziergänge" oder ähnliches zu verschenken, hat ja wohl auch schon eine makabre Note. Auch für den Beschenkten. Umgekehrt: Wollte ich mal einen Zeitgutschein einlösen, der mir geschenkt wurde, kam ein hörbares Knurren und Murren, weil es dann wieder terminlich wieder so gar nicht passte. Also weg mit den Zeitgutscheinen, so gut sie auch gemeint sind.

Natürlich verschenke ich in der Regel Passendes. Ich frage es gern brav ab und versuche es auch anständig zu erfüllen. Dies ist das Normalverhalten beim Akt des Verschenkens. Aber es gibt eben leider halt auch diese "Gelegenheitsgeschenke" - selbst zu Weihnachten. Und wenn es sich dann um eine Person oder gar um einen ganzen Personenkreis von mehr als zehn oder fünfzehn Leuten handelt, denen man gern doch ein "Mitbringsel" überreichen möchte, ist der Griff in diese ominöse "Geschenke-Kiste" für ein kleines "Mitbringsel" halt die ultimative Verführung, der man selbst eben auch schnell erliegt. Der Name "Mitbringsel" allein zeigt ja schon die Bedeutung: Es ist völlig sekundär! Absolut zweitrangige Geschenke, die eh nur in einer Kiste vor sich hinstarren. Weg damit!


Mitbringsel und persönliche Zwangslagen


Bei solchen "Mitbringseln" meint man ja, nicht so genau drauf achten zu müssen und führt damit die Tradition des ehemaligen Schenkers, über den man sich ärgerte, fort. Aber dennoch kann man sich damit blamieren, wenn man es zu lasch, zu schnell, zu unaufmerksam damit betreibt. Eine bitterböse Erfahrung, mit der fest zu rechnen ist.

Passiert mir das, was leider schon vorkam, bin ich wütend auf mich. Natürlich auch auf wütend auf alle die, die mir diesen Krempel selbst einmal als "Mitbringsel" in mein Leben schaufelten. Und natürlich macht es "fast jeder", erinnert sich aber zumeist im Augenblick des Beschenktwerdens so gar nicht ans eigene Verhalten. Das ist besonders infam. Hier müssten doch jetzt alle Alarmglocken läuten. Sie versagen zuverlässig.

Und dann läuft das fast immer gleiche verlogene Ritual ab: "Oh, wie nett!" oder "Oh, das ist aber wirklich besonders!" – Was denn? Etwa besonders hässlich, besonders unbrauchbar, besonders infam oder besonders lästig? Oder gar besonders "altbekannt" (weil es der Beschenkte selbst schon einmal verschenkte?) Diese ehrliche Frage wird mit freundlichen Worten selbstverständlich aber nicht gestellt, sondern nur, wenn überhaupt, gedacht oder gefühlt. Die Lippen dabei lächeln, lächeln, lächeln... Selbst die der Umstehenden.

Lächelt jedoch der derart Beschenkte nicht, ist er ein besonders grober Klotz, der die Frechheit besitzt, hier an unpassender Stelle nun die Wahrheit raushängen zu lassen. Vermutlich bedankt er sich noch nicht einmal fürs Unpassende. Es ist ein grausamer Personenkreis, der da ständig auf Authentizität beharrt, aber sich selbstverständlich nicht entblödet, diesen schrecklichen Mitbringsel-Krempel dennoch weiter zu verschenken.

So häufen sich merkwürdigsten Dinge in den heimlichen Geschenke-Kisten für Unbrauchbares in so manchen Haushalten über die Jahrzehnte eines braven Lebens an. Besonders übel ist es aber, wenn man sich nicht einmal traut, diesen oft elendigen Krempel weiter zu schenken, weil man sich doch irgendwie dafür schämt. Diese Scham zu überwinden, fällt vielen Menschen schwer. Aber ist die innere Not groß genug, greift man doch tapfer hinein und ... verschenkt von Herzen. Froh darüber, es endlich los zu sein. Besonders schwierig ist es allerdings, wenn es sich dabei auch noch um all die vielen handgearbeiteten Mitbringsel handelt. Wurden diese doch oft unter sogar unter dem künstlerischen Anspruch des Schenkers ernsthaft gefertigt.


Kinder-Geschenke haben Sonderregeln


Wir sprechen hier nun von den Geschenken von Erwachsenen für Erwachsene und nicht etwa für Geschenke, die Kinder basteln. Hier gelten selbstverständlich wichtige Sonderregelungen. Denn das Gebastelte von Kindern hat in jedem Fall eine nochmals andere Ehrung und Note verdient.

Tragisch ist es, dass diese Ehrung natürlich auch die Bastelarbeiten Erwachsener sie ebenfalls verdient haben, aber die ästhetischen Neigungen und Vorlieben sich oft nicht einmal in einem Mindestkonsens finden. Selbstgestrickte Socken, so hässlich sie sein mögen, kann man dabei jedoch gut unter langen Hosenbeinen verstecken und wird sie dann auch gern behalten, weil sie letztlich ihren Sinn von Wärme und Wohlgefühl im heimlichen Dasein unterm Hosenbein erfüllen. Schwieriger wird es, wenn man etwas offen tragen oder an prädestinierter Stelle im Heim aufhängen muss und der Schenker doch häufiger zu Besuch kommt. Riesenwandkalender, liebevoll gefertigt, zum Beispiel. Aber kein Platz dafür ist vorhanden? Wohin damit? Muss man jetzt seine eigenen Lieblings

bilder deshalb abhängen. Man fühlt sich wieder einmal durch ein Geschenk geärgert und hat die Last mit dem nächsten Besuch, der traurig ist, wenn er sein Kunstwerk nicht vorfindet.

Bei solchen Geschenken wurde immerhin mit bestem Willen fleißig gewerkelt, gestrickt, gebastelt, was das Zeug hielt. Hier wurde nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Liebe investiert. Und für was? Für einen echten Grobian, der zu beschenken war. Einem, der es eventuell zwar noch mit leeren Lippenbekenntnissen kurz würdigt, um es dann aber auch wieder blitzschnell in den Schwarzen Löchern seines Haushaltes verschwinden zu lassen. Hier kommt die eigene Moral gleich vielfach ins Schleudern, wenn man selbst so ein Grobian ist, sich diese Mühe selbst gar nicht macht und dann noch anschließend so damit umgeht. Und wehe, man wird dabei erwischt, wenn man das hässliche Ding tatsächlich "rumgehen" lässt, nicht trägt, benutzt, aufhängt und ständig neu ehrt.

Herrjee!, ist das alles kompliziert, wenn man Freude machen oder empfangen will. Alles ist ständig falsch. Aber Geldgeschenke als "Mitbringsel" eignen sich nun einmal nicht wirklich unter Erwachsenen.

Ich ahne es schon, was so mancher Leser denkt: "Mein Gott, was für schreckliche Zustände! In welch einem grausamen Umfeld lebt diese arme Frau! Und wie grausam ist sie selbst! Das würde ich doch nie..." und so weiter.

Ja, es gibt sie, diese Aufrechten, die tatsächlich für jeden x-beliebigen Menschen durch die überheizten weihnachtlichen Geschäfte rasen, sich durchs Gewühl drängen, an unüberschaubar langen Kassenschlangen anstehen, um wirklich das genau absolut individuell passende Geschenk für eine jedoch ziemlich x-beliebige Person aus einem schier unüberschaubar großen Clan beschenkungswürdiger Mitbringsel-Personen auszusuchen.

Ein Glück nur für all diese Heiligen des perfekten Geschenke-Ritus, dass sie noch häufig mit der totalen Blindheit in eigener Sache geschlagen sind und einfach nicht einmal ahnen, wie oft auch ihre unter vielen Qualen vermeintlich passend ausgewählten oder gebastelten Geschenke in solchen Kisten landen.