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13. Mai 2014

Fete zu Dritt

Vom Verlust, den niemand spürt, schreibt Christa Schyboll

Hunderte, gar tausende von "Freunden" in den sozialen Netzwerken zu haben, schützt keineswegs vor Einsamkeit. Woher kommt dieses Dilemma? Was ist mit der lebendigen Kommunikation in Zeiten der 140-Zeichen-Botschaften? Überfordern wir uns letztlich nicht mit dieser ständigen Unterforderung?

Drei Menschen in einem abgedunkelten Raum. Sie sitzen auf dem Fußboden. Die Köpfe hängen nach unten. Keiner spricht. Gefangene der Taliban? Opfer der Sekte Boko Haram? Sie sind nicht vermummt. Auf dem Schoß der Menschen sind Lichtzeichen erkennbar. Es blinkt. Es verändert sich. Außer verschiedenen Handbewegungen in die eine oder andere Richtung bewegt sich nichts. Nicht einmal eine Gardine mangels geöffnetem Fenster.

Was ist das? Das ist ein Treffen. Ein Treffen unter Freunden. Eine moderne Fete. Die Menschen sind freiwillig hier. Sie sind jung und kommunizieren. Miteinander, wohlgemerkt! Sprache braucht es dazu nicht. Es gibt nonverbale Worte, wenige Zeilen, viele Zeichen, Bilder vor allem. Man versteht sich. Man mag sich. Man kennt sich nicht. Man glaubt aber, sich zu kennen, weil man gewisse Vorlieben kennt. Zum Beispiel die Vorliebe für bestimmte Apps. Das sagt doch schon alles. Wozu noch reden! Reden ist langweilig. Anstrengend. Am Ende noch in ganzen Sätzen. Sätzen, die voller Gedanken sind. Aber wo kommen die Gedanken her? Die müssten doch erst erzeugt werden. Aber wann, bitteschön. Und von wem? Die Partygänger haben dazu keine Zeit. Sie wollen Fun.

Manchmal lacht einer auf. Der andere feixt. Oder stößt ihm in die Rippen. Die Alte da. Die kenn ich. Cool. Von wem ist das? Whatsapp. Täglich 17 Milliarden Nachrichten. Wie viele Menschen leben gerade auf der Erde. Nein, das fragt nicht der User. Ich selbst sinne gerade nach. Mache schnelle Überschlagsrechnungen. Ziehe die Armen ab. 17 Milliarden Nachrichten nur allein hier über Whatsapp. Tendenz: Enorm wachsend. Wann, wo, wer alles? Wie viele Stunden Bannung, Verbannung?

Natürlich sind die Freiwilligen hier Gefangene. Sie glauben es aber nicht. Sie fühlen sich frei. Sie wissen nichts von der Freiheit. Verwechseln sie mit Lust und Beliebigkeit. Was soll auch die Korinthenkackerei mit Begriffen. Hauptsache, es geht was! Sie kennen nur ihre Neigungen. Und die ihrer Freunde.


Verluste, die niemand bemerkt


Es ist doch alles nur eine technische Fortsetzung des Alten. Was soll die ganze Aufregung und das Gezetere! Zuerst kam die Schrift. Die Alten wetterten dagegen. Sie sprachen von drohendem Erinnerungsverlust. Eine Besonderheit des Menschen und seiner komplexen Hirnleistung. Und sie hatten vollständig recht. Aber das mit dem Erinnerungsverlust war ja nicht schlimm. Denn irgendwann wurden Bücher und Zeitungen erfunden. Die zeichneten doch alles für uns auf. Man musste nur nachschlagen. Wozu sich mit Merkfähigkeit quälen, wenn man es dochnachlesen kann. Dann die Krankheit der Telefonitis. Ihr seht euch doch gar nicht mehr dabei in die Augen!, wetterten wieder die Alten. Und natürlich hatten sie recht. Aber was machte das schon.

Die Wahrnehmung der Menschen füreinander stumpfte ab. Abgestumpfte haben keinen Mangel fürs Fehlende. Also war es wieder nicht schlimm. Nur Gesprächsinhalt war interessant. Er schenkte Befriedigung. Der Neugierde zum Beispiel. Nicht wirklich der Mensch interessierte, sondern der dahinter lauernde Skandal. Viele konnten aber beides auch schon nicht mehr unterscheiden. Sie sahen Einheit, aber nicht die feinen Haarrisse einer sich anschleichenden Zersplitterung. Das braucht sehende Ohren, lauschende Münder, offene Herzen. Sie gingen verloren. Wie auch der einst einmal scharfe Blick.

Doch ja. Das gilt nicht für alles und jedes. Ich weiß. Ich erwähne die Spitzen, Tendenzen. Nicht den Einzelfall, der zum Beweis des Gegenteils aber nicht taugt. Der taugt nur für sich selbst.

Dann die Sache mit dem Fernsehen. Ihr verblödet und bekommt viereckige Augen!, wetterten die Alten, die selbst schon ein bisschen abgestumpft waren. Das mit den viereckigen Augen war symbolisch gemeint. Das verstanden viele nicht und sagten: Falsch! Unsere Augen sind wie immer. Schau! Guck doch! Wie immer!

Wer Symbolsprache nicht einmal richtig versteht, empfindet ebenfalls weniger Mangel vom Fehlenden. Was fehlt, ist eben nicht da. Es wird durch anderes ersetzt. Etwas, das mehr Spaß macht. Etwas, das vor allem nicht so anstrengend ist. Gibt es nicht schon genug Spielverderber?!

Danach ging es erst richtig los. Der Computer, die Spiele. Ihr werdet noch ganz verrückt!, sagten die letzten Alten und schlugen selbst auch schon zaghaft in die Tasten. Denn sie wussten schon bald, ohne Computer ist keine Lebensorganisation mehr möglich. Sie fügten sich. Sie warnten. Nicht wenige verfielen selbst. Sie hatten wieder einmal Recht. Aber wieder glaubten die Menschen es nicht. Denn sie waren ja glücklich. So viele Vorteile. So viele wunderbare Neuerungen. So viel Bequemlichkeit mehr. Und immer konnten sie es auch begründen.

Sie sprachen halt von sehr Verschiedenem wenn sie vom Gleichen sprachen. Sie sprachen an einander vorbei. Das mit dem Verstehen auf der Ebene der Worte wurde immer schwieriger. Am besten, man benutzte keine mehr. Oder nur selten. Dann machte man auch nichts falsch.


Zeichen statt Worte reichen


Ist doch alles nicht schlimm!, sagten die Jungen und mittlerweile auch schon viele Alten. Der Mensch passt sich an. Das tut er doch immer. Und wir haben noch immer überlebt. Die Wirtschaft brummt, es geht doch allen besser und besser.

Das sagten nicht alle. Vor allem nicht jene, denen es schlechter und schlechter ging. Eine interessante Variante, dass es beide gab. Mehr, denen es besser ging, mehr denen es noch schlechter ging. Solche komplizierten Statistiken überforderten die Menschen. Deshalb berichteten die Medien über die, denen es schlechter ging, lieber nur am Rande. Das hatte gute Gründe. Wenn man zu viel darüber berichtete, musste man etwas dagegen tun. Also lieber über anderes berichten. Nur nebenbei ein wenig vom Schrecken der Welt erwähnen. Brav dosieren. Dann ist es erträglicher. Für die Nichthandelnden. Nicht für die Bedürftigen.

Viele Menschen sind einsam. Sie haben Hunderte von Freunden. Das ist das Problem. Unter Hunderten keiner, der spricht. Keiner, der einen tröstet. Alle aber labern. Ständig. Tag und Nacht. Über dieses und jenes. Nur nicht über das Wesentliche. Etwas, das den Kern des eigenen Seins betrifft. Aber was ist denn ein Kern? Was ist denn bitteschön das eigene Sein? Komische Worte.

Sie labern in 140-Zeichen-Botschaften. Das ist schon viel. Manchen zu viel. Drei Worte tun es auch. Ich liebe euch! Es wird einfach so hingeschrieben. Vermutlich aus Sehnsucht. Weil gerade keiner zum lieben da ist. Deshalb twittert man es alle. Bei irgendwem wird es ankommen. Der schreibt dann zurück. Wir dich auch! Oder so ähnlich. 140 Zeichen! Wer braucht denn noch so etwas zur Kommunikation! Oberluxus. Icons tuns auch.Ein Zeichen .. oder drei. Vorbei auch mit den Worten. Icons reichen. Icons lächeln sich an. Emoticons. Smileys, die heulen. Das passt! Sie vollführen stellvertretend die Gefühle des Users. Ist doch schön, wenn man motzen lässt und keine Hängewinkel an schönen Lippen krallen. Ist doch schön. Und wie viele es gibt. So viele Gefühle kannte man ja noch gar nicht. Jetzt kann man sie endlich einmal ausdrücken. Indem man draufdrückt. Das ist man dann. Und drückt man dreimal das gleiche hintereinander, braucht man niemandem zu erklären, warum. Das macht das Icon. Das versteht jeder. Man ist ja nicht blöd.

Und überhaupt. Das alles ist auch so herrlich bequem. Gemütlich zu dritt. Alle im gleichen Raum. Fete. Cola daneben. Chips. Vielleicht auch einen Joint. Und ab in die Party. Geile Party. Sie findet nur noch in den Augen der Anwesenden statt, die sich auf kleine Apparate heften. Dort wird gelebt. Und wie! Wenngleich sie merkwürdig tot dabei erscheinen…