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03. November 2013

Manipulation des Menschen

Vom NSA, dem menschliche Schädelknochen und einem Nickerchen in der deutschen Bahn. Von Christa Schyboll

Obschon die Sache von Spionage so alt wie die Menschheit ist, hat sie es in jüngster Zeit zu neuer Aufmerksamkeit gebracht. Die Wahrheit herauszufinden, wird immer schwieriger, weil die Möglichkeit von Manipulation, Lüge und Verschleierung auch durch die neuen technischen Möglichkeiten die Büchse der Pandora geöffnet hat.

Die Geschichte der globalen Politik spielt fröhlich weiter mit Ironie und Abstrusität. Ähnlich, wie sich die Kontinentalplatten verschieben, verschieben sich auch die politischen Landschaften und Ebenen. Aber keinesfalls so, dass man endlich einmal sagen könnte: Hier die Guten, da die Bösen! So leicht macht es uns die Dimension der Dualität leider nicht. Und aktuell haben wir es mit dem Fakt zu tun, dass im "ehemaligen Reich des Bösen" nun ein "Guter" beschützt wird vor jenen, die sich selbst immer als die "Guten" betrachteten und damit der "Gute" natürlich nun ein "Böser" geworden ist, weil der bei den "Bösen" Unterschlupf suchte und die es jetzt "gut" mit ihm meinen.

Die Causa Snowden ist schon ein Meisterstück nicht nur in der Geschichte der Spionage, wenn man bedenkt, wie nun die Tatsache des Verrats und die Tatsache der Wahrhaftigkeit ein neues Spannungsfeld in einem einzigen Menschen schafft, der damit die ganze Welt bewegt. Denn natürlich ist Snowden aus dem Blickwinkel der USA ein echter Verräter. Aber er ist eben auch ein Verräter eines Verräters, der etwas tat, was niemals hätte geschehen dürfen. Dazu lügt, vertuscht, verschweigt, ummantelt, verzerrt der Haupttäter NSA immer weiter den Umfang und Inhalt seiner menschenverachtenden Aktivitäten. Er verstrickt sich immer tiefer in Unglaubwürdigkeit, die ihn auf lange Zeit beschädigen dürfte. Und das alles nur, weil sie uns schützen wollen? Ob die Mitarbeiter des NSA das wirklich am Ende selbst glauben? Oder wer macht da wen mit welchen Lippenbekenntnissen froh und gewissensrein?

Nun fragt man sich, wann eigentlich der Verrat am Verrat wieder zur Wahrheit als Quelle des Ursprungs einer Tätigkeit zurückkehrt. Wann ist Verrat eine Untat? Wann eine Wohltat oder ein Akt beherzter Courage, die selbst vor der Sorge um das eigene Leben nicht halt macht? Das ist auch eine ethische, philosophische Frage, die keine Schnellantwort verträgt und dennoch im Falle Snowden so klar zu sein scheint. Und die weltweiten Sympathien hat der unerschrockene junge Mann gewiss nicht allein, weil er dem Dauerweltretter USA eins vors Schienbein gab, sondern weil er mutig sein eigenes Leben für sein eigenes Gewissen riskierte. Wohlweislich um alle Gefahren für ihn persönlich im Vorfeld und nicht etwa als blinder Held in ein Abenteuer geschlittert. Wer hat schon eine solche Tapferkeit, wenn es ums eigene Leben geht!?


Sind die Kritiker besonders gefährdet?


Wir alle wissen nun, dass wir mit jeder Mail, mit jedem vor allem auch kritischen Beitrag im Netz ausgespäht werden. Wir wissen, dass wir "notiert" sind und dass man uns Schwierigkeiten machen könnte. Demokratie hin oder her. Wie sehr diese oft schon zur Makulatur mutierte, wenn irgendeine Macht ihre Strippen zog, kann kein Mensch mehr zählen. Wir, die sich äußern, werden sofort in die Schublade eines undifferenzierten Freund-Feind-Bildes verortet, aus der wir uns selbst auch nicht werden befreien können. Befreien kann sich nur ein erkennender Geist. Und der möge bitte endlich über all jene kommen, die in Angstparanoia zu versinken drohen.

Jeder gesund empfindende Mensch kann doch all diesen Terrorismus nur ablehnen. Aber was ist der Preis dafür? Privater Terror oder Willkür, die keine Grenzen mehr kennt? Das Leben an sich ist nun einmal tödlich. Es gibt keine Komplettprophylaxe, dass nichts und niemand mehr passieren kann. Das widerspricht dem Leben und seinen unsicheren Bedingungen schon im Kern. Aber das wollen Briten, Amerikaner und manch andere Staaten offenbar nicht begreifen.

Oder ist es eben am Ende doch ganz anders? Ist die Terrorismusbekämpfung ein Stück weit eben auch Vorwand für ganz andere Ziele? Der Verdacht scheint zumindest gut begründet, wenn man das Ausmaß des Schnüffelns und Abhorchens realisiert. Denn wir wissen ja, dass unsere Privatsphäre nichts mehr gilt und wir ahnen ja nicht einmal, was mit unseren Daten in Zukunft alles noch angestellt werden kann und werden wird. Und wir wissen alle ebenfalls, dass sich aus unseren Daten doch nicht etwa nur unsere persönliche Geheimnisse für Privates entlocken lassen, sondern viel Gefährlicheres passieren kann: Nämlich die Manipulation unseres Wesens. Die gezielte Einflussnahme auf jede einzelne Persönlichkeit, um ihn zu einem willfährigen Mitglied einer Zukunftsgesellschaft zu machen, die auf anderen Prämissen aufbaut als das, was wir derzeit als humane Welt ersehnen. Aber um das zu erreichen, muss man eben unendlich viele Einzelheiten über den Menschen, seine Vorlieben, Schwächen, Talente usw. wissen. Dann hat man vortreffliche Mittel, um gezielte Manipulationen zu verwirklichen, die wiederum von ganz anderen Kreisen gewünscht werden. Der gläserne Mensch ist längst Wirklichkeit. Nun beginnt die Phase, wo man damit experimentieren kann, wozu der gläserne Mensch denn auch taugt. Zu was er nutze ist. Ihn nur zu durchschauen allein, bringt ja wohl keinen Gewinn.


Über den Schädelknochen direkt ins Gehirn


Die Zukunft bietet da hervorragende Mittel, die es zuvor einfach nicht gab. Zum Beispiel der Transport von Botschaften direkt über den Schädelknochen ins Gehirn – ganz ohne den Umweg über das Innenohr. Schallwellen und sanfte Berieselung waren gestern. Lehnt sich bald ein Mensch an eine Fensterscheibe, zum Beispiel in der Bahn, wird ihm demnächst eine Stimme im Kopf bedeuten, was er zu tun und zu lassen hat. Er hört sie nicht über das Ohr. Er hört sie in sich selbst. So ähnlich wohl, wie es die an Schizophrenie Leidenden zu ertragen haben? Das scheint nun denkbar. Denn all dies ist bereits erprobte technische Wirklichkeit und schickt sich an, unseren Alltag zu erobern. Sprich eine noch massivere Manipulation, als wir sie uns derzeit vorstellen können. Da kommen detaillierte Informationen über jeden, vor allem missliebigen Bürger, doch gerade recht! Da weiß man, wo man wie bei wem demnächst ansetzen muss. Insofern sind die Tätigkeiten des NSA noch unter ganz anderen Gesichtspunkten als sehr zukunftsträchtig zu bewerten, als allein nur zum Thema Terrorbekämpfung.

Ist das alles nun schon wieder nur Panikmache oder Schwarzseherei? Am Ende doch nur wieder einmal typisch deutsch? Wer glaubt überhaupt noch wem und was? Und die Frage muss auch erlaubt sein, wie man denn Glaubwürdigkeit zwischen politischen Partnern, die ihre Unschuld in der Freundschaft endgültig verloren haben, tatsächlich wieder herstellen will. Das ist doch in diesem sensiblen Bereich machbarer Technik und monströs aufgeblähter Politik nicht etwa eine Frage des guten Willens. Guten Willen hätten wir ja schon. Aber wenn man weiß, dass man immer weiter belogen wird, werden doch bloße Lippenbekenntnisse eines treuherzig hereinschauenden, ehemals sehr sympathisch wirkenden Präsidenten nicht mehr ziehen. So blauäugig kann kein anderer Staatslenker, keine Kanzlerin nun mehr sein, um bloßen Worten und Absichtsbekundungen allein noch zu glauben. Und Kontrolle? Wer bitteschön, will denn den NSA ernsthaft kontrollieren?

Aber was dann? Was, wenn man zugleich keine faktische Handhabe für eine echte Kontrolle hat? Ein paar nette Handelsabkommen, die irgendwie dann Gesichtsverlust erträglich machen und für beide Seiten als win-win-Situation verkauft werden können? Ist es so einfach? Oder vertraut man klammheimlich auf die bald wieder müde werdenden Menschen, die nach neuen Themen verlangen, weil sie all das nicht mehr hören können? Das hat schon öfter funktioniert, weil der Mensch ein sehr vergessliches Wesen ist und die Abwechslung liebt.

Für mich zeigt sich an all dem ein vernachlässigtes Dauerthema: Nämlich die Tatsache, dass die Ethik der Menschheit, die naturgemäß eine uneinheitliche sein muss, den technischen Möglichkeiten in ihren Fragestellungen und Entscheidungen derzeit nicht mehr gewachsen ist. Die Technik überholt uns auf allen Ebenen unserer menschlichen Persönlichkeit. Das ist viel klarer als bisher zu realisieren und als Warnschuss kurz vor zwölf zu betrachten. Oder ist es bereits halb eins und keiner ahnt es?