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01. Februar 2013

Sexismus-Debatte

Ein Rundumschlag in beide Richtungen, von Christa Schyboll

Romantischer Flirt - sexuelle Belästigung. Es gibt Situationen, wo diese Grenzen nach und nach zerfließen können und vom Traum in den Albtraum gleiten. Kommt dann auch noch das Problem des Missverständnisses zwischen den beiden Geschlechtern zum Tragen, steht man plötzlich vor eine Eskalation im oftmals komplizierten Geschlechterkrieg.

Alles hat seine Zeit. Und wenn ein Thema die Massen so richtig aufschaukelt und bewegt, zeigt es nur erst einmal eines: Als Thema war es reif. Vielleicht überreif. Noch nie ist in dieser Weise Sexismus öffentlich und so emotional betroffen diskutiert worden. Das hat ernsthafte Gründe. Freie Liebe in Zeiten der Blumenkinder: das ja. Aber das war eine völlig andere Debatte mit anderen Inhalten, auch wenn es ebenfalls um Sex ging.

Nun also sind die Männer die Schweine, die Anmacher, die Bösewichte, denen nicht einmal mehr im Hellen zu trauen ist!? Und die Frauen sind die Geknechteten, Gebeutelten, die Opfer vielfacher verbaler oder auch körperlicher Übergriff!? Ja, leider stimmt es teilweise. Und diese Wahrheit ist hässlich. Aber es stimmt doch nicht nur! Es stimmt durchaus, dass die meisten Frauen sogar x-fach im Leben sexistische Übergriffe ertragen mussten und sich oftmals nicht wehren konnten. Insofern ist die Diskussion darüber unverzichtbar, in der Hoffnung, dass sie nicht wieder in vier Wochen versandet, weil die Halbwertzeit von spannenden Themen immer kürzer wird und sich der überreizte Geist des Menschen geradezu süchtig wieder einem anderen Thema zuwenden muss.

Doch erst einmal die Differenzierung! Männer machen Frauen an. Frauen machen Männer an. Frauen reizen oft bis zum Geht-nicht-mehr die männlichen Triebe. Aber wehe, die Männer reagieren drauf. Andererseits fühlt sich so mancher männliche Trieb bereits gereizt, wenn eine Frau sich einfach nur ein wenig hübsch macht, gut aussieht – oder es sogar schon reizt, dass sie Frau an sich ist. Hier beginnt das Spiel der Differenzierung spannend und beschwerlich zugleich zu werden. Einerseits wurden nicht umsonst wurden Dessous, High Heels, Lippgloss, Lack und Leder, Miniröcke oder Push-up-BH’s erfunden und werden auch sehr gern von Frauen gekauft und benutzt… Wozu wohl? Damit alle Herren sich sofort beim Anblick die Augen bedecken? Ja? Nein? Beides? Oder eben auch so, dass es wirklich nur für die Frau selbst ist, die einerseits ganz bewusst reizvoll sein will, aber keinesfalls damit reizen möchte? Aber wo ist die Grenze für beide?

Hier beginnt das unlösbare Dilemma! Denn was bei dem einen Typen als Ekel erregend empfunden wird, kann beim nächsten wunderschön und hoch gewollt sein. Dabei kann es sich im Einzelfall um Worte oder auch um kleine Tätlichkeiten handeln, die unter Umständen als Zärtlichkeit gewertet wird. Als Spiel, Flirt – oder eben als Übergriff. Das Problem ist nämlich nicht immer das Wort oder die Tat, sondern die Situation, der Bezug der Beteiligten untereinander, der persönliche Geschmack, die gerade vorherrschenden Intentionen, die eben mal übereinstimmt und mal nicht.


Die Gaudi des Anbaggerns


Dort, wo sich Männer wirklich aufdringlich aufplustern, zumal wenn sie nicht dem Typ ihres ausgesuchten "Opfers" entsprechen und vielleicht auch noch wesentlich älter sind, sollte man dringend auf schrillste Alarmglocken hören, die aber bei einer Reihe von Männern meist auf igno geschaltet sind. Umso häufiger, je stärker das Ego mit seinen männlichen Trieben die Vormachtstellung hat. Und dies geschieht eben nicht selten auch bei Männern, die über Macht und/oder Geld verfügen, was nach wie vor auf viele Frauen allein schon hoch erotisch wirkt. Jedoch nicht immer und automatisch, wenn dann wieder der Altersunterschied oder andere mangelnde Attraktivität zum Problem werden. Während die Frau noch intuitiv oder hellwach die Situation checkt, hat der Mann manchmal schon auch das letzte leise Alarmglöckchen ausgeschaltet. Alles bleibt stumm, weil der Trieb seine eigene Schallplatte hochdreht!

Natürlich kann diese Situation umgekehrt genauso geschehen. Denn es ist ja keinesfalls so, als würden Männer nur alleine Frauen anbaggern. Baggert die Frau den Richtigen, das heißt den Willigen an, gibt es auch keine Probleme. Und wenn Mann nicht will, sagt er es deutlich oder macht vielleicht noch ein frivoles Spielchen daraus. Eher seltener wird er deswegen zur Polizei gehen. Die Gaudi des Angebaggertwerdens war vielleicht trotz Unlust irgendwie lustig. Aber was heißt anbaggern!? Wo ist ein Flirt ein Flirt? Wo ist er eine krasse Unverschämtheit, wo ist er eine Beleidigung? Auch hier gilt: Es ist zu viel passiert, die Frauen müssen sich wehren! Ganz klar. Doch was überhaupt ist denn das Problem?

Es ist meines Erachtens vielschichtig. Es hängt einerseits mit der oftmals völlig versagenden Intuition zusammen, dass weder Mann noch Frau immer wissen, ob er oder sie geeignet oder geneigt ist, was er oder sie „wirklich“ will, ob ein nettes Gespräch ein netter Flirt nicht gleich eine Einladung für die Nacht ist. Ob der Ton mit dem Inhalt übereinstimmt, ob man die Signale des anderen falsch oder richtig deutet. Je weniger Menschenkenntnis man vom jeweils anderen Geschlecht hat oder je unsensibler man sich über die Alarmglocken aus egoistischen Gründen aber hinwegsetzt und aufdringlich wird, umso sicherer der Eklat.


Die Frau als Sexobjekt


In einer Zeit, die vom Sexismus durch Medien, Filmen usw. überaus bildreich Tag für Tag doch prägt ist, brauchen Frauen mehr Schutz als bisher. Es hat sich in allzu vielen Männerköpfen schon sehr lange ein bedenkliches Bild in der Gesellschaft aufgebaut, wo die Frau zum Sexobjekt verkommt. Natürlich würde das kaum ein Mann je zugeben. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, ob er es so empfindet und sich dann danach verhält und es geht nicht darum, was er an leeren Worthülsen unter Umständen von sich gibt. Entscheidend ist die Tat. Und die Männer sind in diesem Spiel permanenter Hirnwäsche nicht zu beneiden, weil sie die Frau als Sexobjekt allerorten ins bildliche Erinnerungsvermögen eingetrichtert bekommen. Sie können sich doch nicht einmal dagegen wehren. Und das hinterlässt leider bei vielen Menschen auch sichtbare oder unsichtbare Spuren.

Natürlich sollte man bei all dem doch die Kirche im Dorf lassen! Es kann nicht sein, dass wir uns unser Zusammenleben unter Männern und Frauen immer komplizierter machen. Aber die Kirche im Dorf lassen heißt eben trotzdem auch: ein Feingefühl für das männliche oder weibliche Gegenüber so sensibel zu entwickeln, dass man vorher abspürt, ob der Trieb oder der Gedanke auch schon im Herzen und im Hirn bewegt wurden, bevor man Dinge sagt, die man schnell bereuen kann. Denken und Fühlen vor dem Sprechen ist höchst sinnvoll.

Fazit: Die eine "Hälfte" der Frauen, die selbst durch unschöne, belästigende Erlebnisse, gar schwerwiegende Übergriffe betroffen ist, braucht diese Diskussion dringend. Mögen die Frauen dran stark werden und sich immer mehr zu wehren wissen!

Die andere "Hälfte" der Männer, die mit all dem ganz offensichtlich Probleme haben, brauchen die Diskussion ebenfalls, damit sie sich vielleicht neu besinnen und umstellen.

Die andere "Hälfte" der Frauen, die super gern anmacht, flirtet, das Spiel der Geschlechter liebt, muss jetzt sehen, wo sie noch Mutige findet. Aber das Kurzzeitgedächtnis dürfte da auf ihrer Seite sein.

Die andere "Hälfte" der Männer, die damit niemals Probleme hatte, weil sie einfach immer adäquat richtig im Einverständnis mit der Partnerin handelte, kann sich bequem zurück legen und statt dieser Diskussion lieber Filmtipps oder Börsennachrichten lesen…

… und weiterhin genussvoll flirten!