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10. Oktober 2010

Herren über Leben und Tod: Die Pharmaformel

Leere Drohungen über ein Siechtum, das nicht eintritt. Von Christa Schyboll

Zäumen wir das Pferd von hinten auf: Der Tod wird jeden von uns ereilen. Und dass wir zwischen Geburt und Tod hin und wieder auch mit Krankheiten zu kämpfen haben, wird vielen von uns mit in die genetische Wiege gelegt sein. So weit, so normal.

Weniger normal ist, dass mehr und mehr leere Versprechungen uns allseits ereilen, die uns suggerieren, dass wir viel kränker sind als wir glauben. Bodymaßindex, Cholesterinspiegel, Blutdruck, Grenzwerte für den Blutzucker, Körpergewicht und immer genauere technische Geräte, die jeden Quadratzentimeter unseres Körpers vermessen orakeln uns, wie sehr wir dem Siechtum doch nahe sind, wenn wir nicht sofort handeln. Offenbar Todgeweihte auf der Kandidatenliste der Machbarkeiten cleverer Pharmaunternehmen, die keineswegs nur noch mit ihren Pillen werben, sondern raffinierte Formen von Nahrungsergänzungsmitteln auf den milliardenschweren Angstmarkt gebracht haben. Nicht, dass alles nur schlecht davon sein mag oder all das den Menschen schädigt. Manches mag angesagt sein und sicher ist auch, dass gesunde Werte natürlich nicht ungünstig für eine reelle positive Prognose sind.

Das Problem ist ein anderes. Das des Bewusstseins und das des Vertrauens in den eigenen inneren Arzt. Jener gutmütige „alte Herr“, der die Menschheit seit Beginn bewohnte und weise begleitete, wird „ausradiert“ durch eine konsumorientierte Chemieindustrie, die sehr genau weiß, dass mit dem Faktor Angst das meiste Geld zu machen ist. Wer will schon siechen und sterben, bevor er so richtig alt ist!

Also muss gehandelt werden. Denn wie krank oder potentiell gefährdet man doch tatsächlich ist, erfährt man erst durch die Messungen und die besondere Interpretation von Ergebnissen. Fühlte man sich vorher durchaus pudelwohl, kann es wohl nur an der eigenen Sinnestäuschung gelegen haben, der ab sofort nicht mehr zu vertrauen ist. Und hatten wir nicht schon längst kleine, geheime Anzeichen bemerkt. Klopfte das Herz beim Treppensteigen nicht schon heftiger als vor drei Jahren? Ah! Dagegen ist doch was zu tun. Man muss es nur kaufen und schlucken – und möglichst feste dran glauben.

Der Kranke als Konsument ist lukrativ und zahlungswillig. Hält man ihn geschickt auch weiter ein wenig krank, wird er immer weiter zahlen und zu einer zuverlässigen Bilanzgröße. Gesundet er, müssen notfalls die Grenzwerte wieder abgesenkt werden. Zuviel Gesundheit ist einfach nicht gesund für die Pharmawirtschaft und macht am Ende noch die Börsianer krank. Ist der Mensch aber noch nicht richtig krank, so gibt es genug Methoden, es ihm endlich genauer zu erklären, dass er sich irrt und in höchste Gefahr begibt.

Die physische Seite der Krankheit mag dabei noch erträglich sein. Die geistige Seite, die sein weichgespültes Denken betrifft, dass fern jeder Kritiklosigkeit furchtsam auf die eigenen Körperreaktionen starrt, ist dabei die Groteske wogegen es tatsächlich keine Pille gibt. Die Hauptindikation dürfte in solchen Fällen dann die Unfähigkeit zur gesunden Kritik sein sowie ein mangelndes Vertrauen in die weisen Kräfte des Körpers zur Selbstheilung.