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20. Dezember 2014

Von der Flüchtigkeit des Glücks

Nachdenkliches zum Jahreswechsel von Christa Schyboll

Bringt die Befriedigung der geheimsten Wünsche uns dauerhaft Glück? Oder ist es am Ende gar die Wunschlosigkeit, die uns in die tiefste Befriedigung führt. Es gibt viele Arten von Glück, die ein Mensch empfinden kann. Allen gemeinsam ist in der Regel jedoch die Flüchtigkeit des wunderschönen Augenblicks.

Fast jeder Mensch ersehnt sich Glück. Und fast jeder möchte es gern dauerhaft behalten. Menschen, die ein wenig tiefer darüber nachdenken und in die Selbstbeobachtung gehen, wissen: Glück ist eine flüchtige Angelegenheit!

Glück kann sich oft oder selten im Leben eines Menschen ereignen. Zumeist haben wir die eigenen Finger im Spiel mit dem, wie uns die Welt und auch das Glück begegnen. Hin und wieder scheint es sich jedoch als willkommener Zufall zu ereignen. Vielleicht fällt es uns auch zu, weil wir reif dafür sind? In der Regel vergeht jedoch das Glück als erlebter Moment höchster Freude recht schnell... zu schnell, nach unserem Empfinden. Je nach Situation sind es Sekunden, Minuten, Stunden... Über Tage, gar Wochen Glück tatsächlich in unverändert starker Form in sich zu empfinden, dürfte nur wenigen Zeitgenossen gelingen. Denn sobald man es empfunden und genossen hat, scheint es einem geheimnisvollen Abbauprozess anheim zu fallen.

Wieso eigentlich, wenn sich doch die Situation des Glücks eigentlich gar nicht im Außen verändert hat? Die Geliebte ist immer noch da. Oder der Partner ist auch am anderen Tag genauso unvergleichlich attraktiv und nett wie am Vortag, als man das Glück umarmte. Warum also diese Flüchtigkeit? Nur weil es sich um ein Gefühl handelt und Gefühle schnellen und starken Veränderungsprozessen unterliegen? Oder weil man nach einer gewissen Zeit des Genießens letztlich das Genießen auch schon wieder ausreichend ausgekostet hat, satt daran geworden ist und den Blick wieder gern auch auf andere Dinge im Leben richtet, weil sie andere Formen der Spannung versprechen?

Oder ist Glück am Ende auch der Biochemie unterworfen, die nicht am laufenden Band Endorphine oder andere Glückshormone produzieren kann? Und zudem: Was ist es überhaupt, dass dieses Glück sozusagen "produziert"? Ist es etwa die Biomaschinerie im Menschen, die uns allein mit solchen hormonellen Ausschüttungen beschenkt und bezirzt? Dieser feine Mechanismus funktioniert aber doch nur auf Inputs. Erst muss er angeregt werden. Also braucht es zunächst die passenden Gefühle, die wiederum eine Grundlage brauchen, um sich als Gefühl in unser Gemüt wahrnehmbar einzuschleichen, damit man sie auch authentisch als Glücksmomente empfinden kann.


Formen des Glückserlebens


"Scheinglück" funktioniert bei manchem Zeitgenossen übrigens auch recht gut. Das sind dann die perfekten Momente des Selbstbetrugs. Der Schein steht dabei nicht unbedingt im Wege. Man kann sich durchaus auch selbst glücklich machen mit Lügen, Schwindeleien oder reinen Einbildungen... sofern man genug Fantasie für solcherart Kreationen hat und nicht unter dem Virus von Selbstzweifel oder Wahrheitstrachten leidet. Und wenn man es besonders geschickt beherrscht, kann man sogar andere vorübergehend glücklich stimmen. Späterer Katzenjammer ist meist vorprogrammiert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und dann gibt es diese Dauerglücklichen. Ihnen sollten auch ein paar Gedanken gewidmet werden. Denn sie sind in mindestens zwei Kategorien zu unterteilen, die fein unterschieden werden wollen. Grauzonen sind beim Lesen gleich mit zu bedenken. Diese Dauerglücklichen kommen tatsächlich im Leben vor und sind keinesfalls nur eine literarische Erfindung. Sie sind zwar seltene Perlen; und manchmal sind sie auch schimmernder Tand. Mit anderen Worten: Dieser Typus kann falsch oder echt sein. Die Spreu ist hier vom Weizen zu trennen. Jene beständig Glücklichen, die auf der seichten Oberfläche eines sorgenfreien Lebens surfen, dies bewusst wahrnehmen und grenzenlos genießen, sind fast immer gut drauf. Sie sind Sonnenkinder, vom Himmel verwöhnt, von der Erde geliebt und gut mit allem bestückt. Schönheit, Reichtum, Macht, Erfolg, Intelligenz und andere attraktive Eigenschaften gehen so reichhaltige Kombinationen miteinander ein, dass man staunend wie vor einem Märchen steht. Sie erleben eine unvergleichlich andere Form von Glück als jener andere Typus, der tatsächlich abgeklärt über den Dingen steht.

Das ist der andere Glückstypus. Der Zufriedene. Solche Menschen haben ihren inneren Frieden mit sich selbst und der Welt gefunden. Sie haben sich selbst und das Sein durchdrungen, gehen in die Tiefe, wenn Sie sich in Höhen aufschwingen und haben die Phasen der Selbstzweifel im Wesentlichen deshalb schon hinter sich gelassen, weil diese Talsohle oft im Leben bewusst durchschritten wurde. Sie sind noch seltener in unseren Breiten zu finden als jene anderen vom Glück bevorteilten, von denen vorher die Rede war. Jeder ist vom nicht dauerhaft glücklichen Durchschnittsmenschen auf seine eigene Art darum zu beneiden.


Ist Zufriedenheit das höchste Glück?


Diese Zufriedenen akzeptieren die Welt wie sie ist. Das bedeutet: Sie durchdringen auch das Ungerechte, das Böse, Abartige und identifizieren sich selbst nicht mehr damit, ohne es aber zu negieren. Ihre Haltung ist dabei keinesfalls fatalistisch, sondern weise. Sie wissen um die Dinge und um sich selbst. Sie brauchen nicht viel und haben vermutlich nur wenige oder keine Wünsche. Und selbst, wenn ihnen die Existenzbedingungen fürs eigene Leben nach und nach entzogen werden, kämpfen sie nicht unbedingt um ein längeres Leben, weil sie wissen: Ihr Leben hat seinen Sinn und auch ihr Tod, der für sie immer zum richtigen Zeitpunkt kommt, weil es den falschen für sie einfach nicht gibt. Alles hat seine Zeit. Und das ist zu achten.

Bei solcherart konsequenter Haltung zieht innerer Friede ein. Krieg. Elend, Hunger Not, Glitzer, Reichtum, Schönheit, Kunst. All das wird als Spiel des Lebens entlarvt, dass sich in viele Spielarten kleidet.

Ist die höchste Form des Glücks also nicht etwa die Befriedigung der ständig neuen Wünsche, sondern die Wunschlosigkeit an sich? Sie kann nicht mehr enttäuscht werden. Aber Wunschlosigkeit kann man nicht kaufen oder bestellen. Sie ereignet sich durch jeden selbst - wenn sie sich denn ereignet und wir ihr den Weg in Freiheit dafür ebnen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die extremen Formen unterschiedlichen Glücks kann man zwar für sich selbst betrachten - die Empfindungen derer, die diese Formen erleben, bleiben von unseren Betrachtungen jedoch unberührt. Insofern enthalte man sich vorschnellen Werturteilen. Denn auch hier gilt ebenfalls: Auch die Formen des Glücks haben ihre eigene Zeit. Jede Form von Glück wird auf seine Weise schön sein, weil es als solches ja sonst nicht von einem Individuum erlebt werden könnte.

Zwischen diesen Extremen liegt das "Glück des kleinen Mannes". Es kann ein großes Glück sein, wenn man sich dessen nur täglich neu bewusst wird. Es ist frei von äußeren Abhängigkeiten Dritter. Entscheidend ist die eigene Haltung zum Sein. Geben wir uns dem Augenblicksmoment immer wieder neu hin, horchen wir auf die feinen Töne der Welt und betrachten staunend die Wunder der Schöpfung, erfahren wir eine Form von Glück, die nicht flüchtig ist. Flüchtig sind nur unsere Gedanken selbst oder unsere Zerrissenheit, die neu aufkommenden Begierden, die gestillt werden sollen. Das Glück selbst ist immer da. Für jeden von uns und auch dauerhaft, wenn wir uns nur für die richtige Form von Glück entscheiden.