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24. Oktober 2013

Cold Turkey

Handy-Entzug als Mittel der Wahl? , fragt Christa Schyboll

Diagnose: Surfsüchtig. Digitale Abhängigkeit. Therapie: Stromfreie Zone. Geeignete Location: sibirische Tundra, Süd-Sudan. Stundenlanges Surfen erobert mehr und mehr das Leben des Menschen.

Während er früher gewisse Zeiten des Tages draußen verbrachte, und sei es nur im U-Bahnschacht der nächst größeren Stadt, findet heute alles „drinnen“ statt. Selbst dann, wenn „drinnen“ draußen ist. Sprich: Es ist nicht mehr entscheidend, an welcher Location sich ein Mensch rein physisch befindet, sondern nur noch, ob ihm dort, wo er physisch zufällig anwesend ist, auch seine Hauptpersönlichkeit für die aktuellen Ereignissen zur Verfügung steht.

Das tut sie meist nicht. Denn die Hauptpersönlichkeit, die sich mit ihrem Körper in der U-Bahn, in der Kantine oder beim Spaziergang befindet, hat ihre Macht längst an einen kleinen viereckigen Apparat übertragen. Dieser Apparat steuert das Handeln des Menschen. Er befiehlt, ob sein Mensch ihn anschauen muss oder nicht. Ob der Mensch ihn an sein Ohr hält und in ihn hinein horcht. Oder ob er zu ihm spricht. Oder ob der Mensch ihn wie einen gezückten Pistolenlauf auf Gegenstände oder andere Menschen richtet und „Klick!“ macht oder ob er ihn jemandem leiht, der kurzzeitig auf Entzug ist.

Der Entzug eines Smartphons oder Handys ist eine sehr schlimme Phase für einen Menschen der heutigen Zeit. Er führt nicht nur zu Kopfschmerzen, sondern bei einigen zu einer umfangreichen Desorientierung. Wie soll man beispielsweise wissen, wann ein Zug fährt, wie man zum nächsten Bahnhof kommt, wo es etwas zu essen gibt und was der Rest der Welt gerade von einem will? Es ist unmöglich, solche Problemlösungen ohne digitale Hilfe mit weltweiter Vernetzung zu lösen.

Die Schnur, an der man hängt, ist längst unsichtbar. Das das Smartphone heute noch physisch ist, ist auch nur eine vorübergehende Erscheinung. Es ist ein energetisches Band, das Milliarden von Menschen verbindet. Es verbindet ebenso wie es nervt und stresst. Es bietet ungeahnte Möglichkeiten, so lange man noch frei genug ist, diese Möglichkeiten auch wieder einzuschränken. Doch diese innere Freiheit geht mehr und mehr verloren, weil das Suchtpotential zu aggressiv wirkt. Während früher ausgeflippte Typen gerade auf Dope-Entzug waren, haben heutige Ausgeflippte unter Umständen nur gerade mal eben ihr Handy verlegt. Das reicht aus, um Schweißausbrüche zu produzieren oder andere Menschen tätlich anzugreifen, die aktuell ihr eigenes Gerät benutzen und es nicht freiwillig hergeben wollen.

Cold Turkey ist kalter Entzug. Also Entzug ohne Energie, ohne Strom, ohne Netz in diesem Fall. Er dauert in der ersten schlimmen Phase drei Tage. Der Kommunikations-Entzug macht sich in Zittern und starken körperlichen Schmerzen bemerkbar. Danach treten die nächsten vier Tage nur noch massive Angstgefühle, Albträume und bizarre Aggressionen auf. Hat man den 21-Tage-Entzug jedoch vollständig Netz frei überstanden, legen sich nach und nach sogar Reiz- und Erregbarkeit und gehen in eine alltägliche Verärgerung über. Damit kann man wohlfeil leben. Sogar ohne selbst voll durch und durch digitalisiert zu sein.