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21. November 2013

Sven checkt und checkt!

Wird der Normalfall zum Albtraum? fragt Christa Schyboll

Sven besitzt ein Smartphone, ein Tablet-PC, einen Laptop, einen lokalen Computer zuhause, einen am Arbeitsplatz und einen Fernseher, der direkt mit dem Internet verbunden ist. Dann besitzt er aus uralten Tagen noch ein Handy, einen Festnetzanschluss und ein Fax-Gerät, sowie einen Drucker mit Scanner. Natürlich benutzt er auch Skype.

Mit anderen Worten: Sven ist mit der Welt technisch verbunden. Er ist nicht mehr, wie seine Urväter, darauf angewiesen, für eine sichtbare Kommunikation etwa auch am Ort des Gesprächsteilnehmers zu weilen. Sven ist ein ganz normaler Bürger seiner Zeit. Er hat nichts, was Millionen andere Mitmenschen nicht auch hätten. Er ist kein Sonderfall.

Und so benimmt er sich auch. Als Normalfall. Als Normallfall bedeutet bei diesem Equipment vor allem, er checkt und checkt, was das Zeug hält. Tag und Nacht. Denn alle Geräte schreien nach seiner Aufmerksamkeit. Sie geben Töne von sich, die Sven angenehm sind. Er selbst suchte sie nach eigenen musikalischen Vorlieben aus. Sein Facebook-Account quillt über mit Botschaften. Er hat 3698 Freunde. Seine Emails steigen ins Unfassliche, wenn er sie nicht ständig abruft und möglichst auch löscht. Aber das Löschen geht nicht. Alles zu wichtig. Er ruft sie am Morgen erstmalig ab, noch bevor er sein Bett verlassen hat. Dazu kommt, dass er eine Reihe von Accounts benutzt, da er, wie jeder menschliche Normalfall heute, ein Vielfachleben als multiple Netzpersönlichkeit führt. Das hat Vorteile, wenn man von Leuten wie Berta verfolgt wird. Da muss man untertauchen können. Aber jede weitere Persönlichkeit, die man kreiert, beginnt ein gnadenloses Eigenleben. Sie bläht sich auf, tut wichtig, will zuerst ihre eigenen Mails lesen, während andere Persönlichkeiten in Sven schon wieder maulen, weil sie warten müssen. Denn die Accounts sind derzeit noch nicht alle gleichzeitig lesbar. Zudem hat ihm die Natur auch nur ein einziges Augenpaar gegeben.

Diese untragbaren Verhältnisse bringen Sven oft zur Verzweiflung! Bevor er auch nur den ersten Schritt ins morgendliche Bad tut, ist sein Nervenkostüm angeschlagen. Frühe Depression und Kümmernis in der Bettwärme einer guten Nacht, über die brutal der fordernde Tag hereinbricht wie eine wilde Horde Hunnen. Um das alles zu managen, braucht Sven auch eine Flut von Passwörtern und Pins, für die er einen Sonderaccount eingerichtet hat. Würde dieser geknackt, müsste Sven sich vermutlich das Leben nehmen.

Sven checkt von morgens bis abends. Dazu die Sprachnachrichten. Er stellt dabei fest, dass er eine sehr wichtige Persönlichkeit ist. Sonst würde er doch nicht so viel Post bekommen. Ständig will jemand was von ihm, ständig fragt jemand um seinen Rat! Gerade eben noch seine Cousine. Sie will wissen, ob sie zur Familienfeier Nudelsalat mitbringen soll. Sven ist unentwegt unter Entscheidungszwang. Aber so ist das nun einmal, wenn man wirklich wichtig für die Welt geworden ist.

Bevor Sven am Abend völlig erschöpft einschläft, klingelt Beethoven nochmal durch. Er erinnert ihn, dass er am nächsten Morgen Schwarzbrot vom Bäcker mitbringen soll. Nicht immer nur die weißen Brötchen. Der Verdauung wegen. Denn Sven sitzt viel, was ansetzt. Das hätte Sven tatsächlich echt vergessen! Sven ist sehr beruhigt, dass er sein wichtiges und stressiges Leben mit all diesen vielen Anforderungen technisch auf dem neuesten Stand organisiert hat.