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24. November 2010

Gewalt und junge Menschen

Ultimate Fighting Championship als Ventil? – fragt Christa Schyboll

Sie kennen die Bilder: Donnernd sausen Faustschläge auf den Schädel. Regungslos liegt der Gegner auf dem Boden. Ein Kampfrichter im Käfig rät, ob er ohnmächtig oder schon tot ist. Da er kein lebender Kernspintomograph ist, kann er beim besten Willen nicht sagen, wie viel Hirn da schon zu Brei geschlagen ist. Auch nicht die am Rande stehenden Ärzte.

Die Leute wollen so etwas. Überall und immer öfter. Wenn schon die Brot-und-Spiele-Events des Alten Rom verboten sind, dann sollte doch zumindest ein kleiner Ersatz drin sein für die lechzende Seele. Die einen nennen das ultimative Kämpfen den „Zehnkampf des Kampfsportes“ – oder „physikalisches Schach“. Der Sache des Schachs ist damit sicher nicht gedient. Boxen ist dagegen wie Halma-Spielen. Andere sehen darin die Auferstehung brutalster Gladiatorenkämpfe, die jenes niedrig schwellige Sensorium im Menschen befriedigen, das erbarmungslos alles in Kauf nimmt und für diesen Hype auch noch Millionen bezahlt. Denn diese Summen fließen tatsächlich – ein Riesengeschäft!

Riesengeschäfte sind unseren Regierungen in der Regel willkommen. Auch die Lobby dafür funktioniert prächtig. Ein nächster US-Importschlager... genauer: US-Import-Schläger. Die Arena wird – wie überall wo das Spektakel stattfindet – voll besetzt sein. Gleichzeitig beschäftigt sich kürzlich das Bundeskabinett angesichts zunehmender Brutalität mit dem Paintball-Verbot, damit unsere allseits gewaltgefährdeten Jugendlichen sich bitte doch nicht mit Farbbeutel belustigen. Durchaus kann man von diesem Spiel sehr verschiedenes halten und kann überhaupt jedes Objekt auch als tödliche Waffe deklarieren - vom Plastikbeutel bis zum Schnürsenkel, so man ihn entsprechend einsetzt.

Interessant und bedenkenswert ist das Irre am Gegenläufigen zum Thema Gewalt: Einerseits wollen Eltern, Erzieher und Politiker Jugendliche zu einer inneren Friedenshaltung impulsierend „befähigen“. Andererseits leben sie, die Erwachsenen in Wirtschaft, Showbizz, Regierung usw. ihnen eine Welt vor, in der brutale Echtkämpfe bis zur Schwerstbehinderung und Tod führen können und in gigantischen Arenen rituell zelebriert werden.

Martialisch, gar heroisch aufgezogenen Shows, gehen so manchem Besucher dabei voll unter die Haut, was gewünscht und gewollt ist in diesem Millionenpoker, mit denen die Städte sich ihr Publikum anziehen. Gleichzeitig weist man von Regierungsseite auf die „Gefährlichkeit“ der Farbbeutel-„Spiele“ hin und beschließt Gesetze gegen die um sich greifende Gewalt. „Friedenserziehung“ vor allem durch Verbote – und zugleich die Zulassung von Ultimate Fighting. Das nennt man Psycho-Logik!

Betrachtet man die Verlogenheit zum Thema Gewalt noch tiefer, so sieht man zwischen permanent stattfindenden Krisengipfeln die ach so unermüdlichen Friedensbemühungen der Politiker. Was dabei die Rüstungsindustrie zugleich verdient muss ja nicht immer wieder erwähnen finden. Immerhin dient die Herstellung von todbringenden Waffen ebenfalls dem Frieden. Notfalls halt tödlichem Frieden.

Gerechtigkeitsempfinden und Gespür wie Haltung zur Gewaltfrage in den Menschen werdem am laufenden Band so krass konterkariert, dass Irritationen, besonders bei jungen Menschen ohne Lebenserfahrung und Festigung kaum ausbleiben können.

Zu diesen abstumpfenden oder irritierten Gefühlen gehört nicht nur Duldung von UFC kontra Paintball-Verbot, sondern auch die voll legalisierte und juristisch untermauerte Dauerabzocke durch immer höhere Steuern zum Sanieren siechender Banken und verantwortungslos operierender Spekulanten. Auch dies ist Kampf mit anderen, leider oft sogar legalen Mitteln. Diese Ungerechtigkeit wird nicht nur geduldet, sondern im Zweifelsfall gerichtlich sanktioniert. Die Empfindung von Wut und Schmerz muss sich dann andere Kanäle suchen, die angesichts der eigenen Ohnmacht eine Stellvertretergewalt für sie ausleben lässt. Solche „Spiele“ sind insofern auch politisch ein Ablassventil – selbst wenn es den Besuchern zumeist nicht einmal bewusst ist. Man kann davon ausgehen, dass fast jeder der UFC-Besucher einen starken, nicht ausgelebten, teils unbewussten Gewaltanteil in sich trägt, der stellvertretend seine Bühne findet und seine Gründe aber in vielem hat, was zudem auch noch gesellschaftlich falsch läuft.

Eine Gesellschaft, die Brutalität als Spektakel zulässt, Millionengeschäfte mittels Verletzung und Schmerz erzielt, ist vor allem eines: selbst „gewaltig“ gespalten innerhalb einer schizoiden Kultur. Und sie sollte sich nicht wundern, wenn ihre Bemühungen um Gewalteindämmung dann nur noch von vielen jungen Menschen belächelt werden.

Die Wirklichkeit scheint sich mehr an der Wahrheit zu orientieren als am Gewollten. Und die Wahrheit ist: Der Kampf gegen Gewalt auch in unserer Gesellschaft ist gewaltig einseitig in vielen Bereichen, was zur weiteren Unglaubwürdigkeit vieler so genannter politischen oder regierungsamtlichen „Friedenskämpfern“ führt.