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16. Dezember 2009

Zwischenmenschliche Bilanzen eines Jahreslaufes

Kritische und selbstkritische Fragen, die man sich stellen kann von Christa Schyboll

Die Sache mit den guten Vorsätzen, die man geschafft/nicht geschafft oder sich nicht einmal vorgenommen hat, ist eine von vielen Bilanzen, die man so am Jahresende betrachten kann. Eine andere, fast noch spannendere Bilanz ist die Zwischenmenschliche.

Ich will mich in reiner Frageform nähern. Vielleicht enthält sie den einen oder anderen Impuls, sich und die Freunde oder Partner selbst/kritisch in einem spannenden inneren Prozess unter die Lupe zu nehmen.

Was war denn dieses Jahr mit mir selbst los? Was mit meinen Freundschaften oder der Familie? Bin ich in meiner eigenen Entwicklung weitergekommen? Habe ich sie überhaupt beobachtet? In Ehrlichkeit und trotz subjektiver Betroffenheit mit dem richtigen Abstand und einer gesunden Distanz? Wo habe ich denn so meine Schwächen und Fehler im vergangenen Jahr gehabt und ausgelebt? An wem und in welcher Weise? Und wo ist es mir gelungen, authentisch ich selbst zu sein. Ehrlich, schnörkellos und voll bewegt in den Eigenfarben? Wo habe ich mich genügend, zuviel oder überhaupt nicht um mich selbst gekümmert?

Wem habe ich zu heftig oder viel zu wenig auf die Füße getreten? Wem habe ich unabsichtlich weh getan oder habe ihn sogar absichtlich herausgefordert? Habe ich Schwächen der anderen ausgenutzt, weil ich mich selbst stark fühlte? Und wenn ja, wurde mir das krumm genommen, aber niemals offen gesagt? Hatte man am Ende Angst vor mir oder meiner Reaktion und hat geschwiegen, wo man hätte mutig sein sollen? Hat mangelndes Vertrauen das am Ende verhindert? Eine Art von Vertrauen, das aber nie besprochen wird, das einfach vorausgesetzt wird und scheinbar erhaben über allem steht?

Wo war ich selbst feige und wo überall ist mir Verschlagenheit und eiskaltes Kalkül hinter lächelnden Worten begegnet?

Wo habe ich mich um Frieden in der Beziehung bemüht? Ein Frieden, der kein Scheinfrieden ist, sondern eine echte Be-Friedigung für alle bedeutet und nicht nur die Abwesenheit eines heißen Krieges – sprich handfesten Krachs oder einer Beleidigung. Wer fügt überhaupt wann Leid einem anderen zu und womit? Ist es möglich, ehrlich zu sein, ohne dass ein anderer beleidigt ist – also ein Stück Leid erfährt, nur weil er die (subjektive) Wahrheit oder Ansicht zu einer Sache erfährt?

Und überhaupt, ist es eigentlich wichtig und richtig, immerzu und in allen Situationen die Wahrheit zu sagen? Kann es nicht sehr unbarmherzig sein, wenn man mit seiner eigenen Wahrheit, die an die man selbst fest glaubt, in das Glaubensgebäude einer anderer Weltsicht eingreift und es quasi mit einem einzigen Satz zertrümmern kann – nur weil seine Basis nicht solide genug war?

Und wie war es denn umgekehrt? Wer war gut zu mir und warum? Hatte er einen Grund einer Wiedergutmachung – oder kam es einfach aus dem Reichtum des eigenen Herzens, das vor Fülle überquillt und teilen will? War es ein „Geschäft“ nach dem Motto des Ausgleichs an der gleichen Stelle, wo es letztlich nur um eine Verpflichtung im Vorgriff war, deren Rechnung ein wenig später präsentiert wird? Wer rechnet wie warum was nach oder vor in Freundschaften? Wer spielt raffiniert und bewusst mit den (scheinbar) unbewussten Elementen von Wünschen und „Botschaften“ – schmeißt Bemerkungen in den Raum, ergeht sich in Scheinausführungen, um das echte Anliegen nicht aussprechen zu müssen? Warum ist es so schwer, etwas auszusprechen, das kritisch ist? Vertraut man sich eben doch nicht genug, obschon man es voraussetzt? Geht man nicht den Dingen zu wenig auf den Grund, sondern den Gefühlen? Hat man Angst vor der Untiefe, die einen eiskalt erwischen kann und deren Sog man nicht gewachsen ist?

Jeder wird jede Frage anders für sich beantworten und auch andere Schlüsse daraus ziehen. Seien es selbstkritische zum eigenen Verhalten oder auch kritische zu den sozialen Beziehungen, die durchaus mehr Barmherzigkeit vertragen könnte, die zugleich aber auf dem Fundament von viel mehr Offenheit, Ehrlichkeit und Authentizität steht.

Toleranz ist ein schönes Wort. Kommen Menschen sich aber häufig sehr nahe, braucht es mehr um sich zu ertragen. Es braucht Liebe, die sehr langsam wachsen muss… und die beginnt mit neuer Ehrlichkeit zu sich und dem anderen im ersten Schritt.