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14. November 2009

Unsere lieben Kleinen: süße Tyrannen?

Gedanken zur Kindererziehung von Christa Schyboll

Ein Zündstoffthema nicht nur für entnervte Eltern, die ohnmächtig mit ihrer geliebten Brut nicht mehr fertig werden, sondern auch durchaus aktuell für optimal-erziehende Eltern mit ungestörten Kinder. Denn auch diese werden vermutlich sehr bald mit einem gigantischen Problem dann "gestörter Erwachsener" zu tun haben.

Mittlerweile ist es in der Gesellschaft angekommen: Unsere Kinder, die neuen Tyrannen? – Ein Zündstoffthema. Nicht nur für entnervte Eltern, die ohnmächtig mit ihrer geliebten Brut nicht mehr fertig werden, sondern auch durchaus aktuell für optimal-erziehende Eltern mit ungestörten Kinder – die mehr und mehr statistisch in die Minderheitenzone geraten. Denn auch diese werden vermutlich sehr bald mit einem gigantischen Problem dann "gestörter Erwachsener" zu tun und sie mit gesundheitlichen oder beruflichen Folgewirkungen zu finanzieren und zu unterstützen haben.

Es ist also keine Privatsache, ob mein Nachbarskind mir doch "recht gestört" vorkommt, sondern es muss eine allgemeine, tiefe und ernst geführte öffentliche Debatte werden, was mit unseren Kindern los ist. Ein Weckruf für eine weitere Zeitbombe? Der Autor des Buches "Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit" – Dr. Michael Winterhoff, Bonn, hat hierzu wesentliche Gedanken angestoßen. Vieles davon scheint den älteren Menschen so selbstverständlich, dass es wohl ein Kopfschütteln darüber geben mag, wieso es dennoch in der heutigen Zeit nicht mehr auf natürliche Weise funktioniert: Grenzen setzen! Und zwar gesunde Grenzen, wo auch kleine, sinnvolle Schlupflöcher sind, wo Streiche und Liebenswürdigkeiten ihren Raum haben dürfen und den Kindern einen Freiraum bieten, der sich dennoch in klaren Grenzen zeigen muss.

Alle, die viel mit Kindern zu tun haben und sich in der Kinderseele ein wenig auskennen, beobachten es schon seit 15-20 Jahren, dass das vormals "Normale" in der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern - selbst bei großzügiger Auslegung des Begriffes - mehr und mehr in die Störung gerät, ins Ungesunde bereits abgerutscht ist. Kinder ausser Rand und Band in jedem Alter, eine Vielfalt von motorischen, sozialen, kognitiven, sprachlichen, psychologischen usw. Problemfeldern. Dazu natürlich keine oder schlechte Manieren, Grenzen, Konzentrationsfähigkeiten, Verzerrungen der Wirklichkeiten - längst bevor der erste Joint geraucht ist. Wer ist schuld?"Die Gesellschaft"! Oh ja… sicher, die auch. Aber diese Binsenweisheit bringt da ebenso nicht weiter, sondern einzig nur: Schauen, was ist! Ändern, was nicht gut ist! Dazu braucht es aber erst einmal die Fähigkeit der Diagnose und Analyse, bevor man zur Therapie schreitet: Ein paar selbstkritische, wie auch wachsam gestellte Anfangs-Fragen dazu sind unerlässlich und von jedem Erziehenden nicht nur ans Kind, sondern auch an sich selbst zu stellen sind. Kritisch, unbarmherzig klar, ehrlich und voll von gutem Willen für die Entwicklung des Kindes, das zwangsläufig bei fast allen Erwachsenen eine immer weitere Selbst-Entwicklung mit voraussetzt… inklusive Selbstkritik, Selbstreflektion und dem Wunsch nach Optimierung.

Erwachsene, die keine Lust mehr haben, sich selbst zu entwickeln, die dem Kind nicht vorleben, dass man sich weiter auch positiv verändern kann, die überwiegend das Bild des gestressten, entnervten, unglücklichen, ungeliebten, Problem beladenen, unzufriedenen, dauergefrusteten Erwachsenen bieten, brauchen sich nicht zu wundern, wenn Kinder nicht erwachsen werden wollen, in ihren Traumwelten lieber verbleiben, sich durch „Störungen“ sozusagen vor dieser ihnen drohenden Welt der Erwachsenen unbewusst schon früh „schützen“… Dazu haben sie eigentlich allen Grund.

Wenn Kinder Tyrannen werden – und das passiert durchaus auch bei best motivierten, liebenden Eltern, die dennoch oft erschreckend ahnungslos sind! – ist das sie prägende soziale Beziehungsumfeld unbedingt mit anzuschauen und einzubeziehen. Nichts schlimmer, als wenn der Zeigefinger der Betroffenen allzu leichtfertig auf den "Aussenfeind" gerichtet ist, um sich dem eigenen Anteil nicht stellen zu müssen!Es wird kaum etwas nützen, die lieben kleinen Monsterchen wieder halbwegs gesund zu therapieren, um sie dann wieder neu mit all den pathologischen Lebenseinstellungen und –weisen zu konfrontieren, aus denen sie für kurze Zeit herausgehievt wurden und nun wieder hineingestellt werden.

Für alles mögliche braucht man Prüfungen und Testate, muss Kurse belegen und Befähigungsnachweise bringen: Aber wie wäre es eigentlich, wenn es das Angebot von ELTERNSCHULUNGEN gäbe, das gerade Jung- und Ersteltern, die von all diesen Problemen noch nicht einmal etwas ahnen, eine wertvolle Begleitung wäre und ihnen Sicherheit in einem der schwierigsten Lebensgebiete bietet: Die gesunde Persönlichkeitsreifung eines jungen Menschen in einer komplex gewordenen und durchaus nicht nur kinderfreundlichen Welt.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.