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14. November 2009

Sommersonntag

Ein etwas dunkles, aber tief gehendes Psychogramm über Kindheit von Christa Schyboll

„Schlurf nicht so!“, sagt der Vater. Der Kleine schlurft. Sonntags Nachmittagsspaziergang auf dem Land. „Ich hab gesagt, du sollst nicht so schlurfen!“. Der Kleine hebt die Füße hoch. Ein wenig. Ein paar Schritte. Dann schlurft er wieder. „Er lernt es nie! Warum kannst du die Kinder nicht richtig erziehen?“ - Sie duckt sich. Innerlich. Vor der Stimme. Dabei ist sie schon klein. Seit dem sie seine Kinder erzieht, ist sie noch kleiner geworden.

Ihre Kinder sind es nur, wenn sie schlurfen oder schlechte Noten bringen. Dann sind es ihre Kinder. Man schrumpft als Mutter. Vom Nicht-richtig-Kindererziehen. Manche Kinder schlurfen nun einmal gerne. Das weiß der Vater nicht. Er war nie ein Kind. Er war schon immer erzogen und wusste genau, was sich gehört.

„Hör auf mit dem Stauben!“ Der Kleine schlurft schon wieder. Er hat ein Stöckchen in der Hand und läuft damit voraus auf dem staubigen Feldweg. „Meine ganze Hose ist schon versaut! Nun sieh dir das mal an!“ Der Staub wirbelt besonders fein im Hochsommer auf den staubigen Feldwegen. Sonntags werden sie regelmäßig gegangen. Mit dieser Familie mag er sich in der Stadt gar nicht sehen lassen. Und wie sie schon wieder aussieht! Das Haar alleine. Er schaut sie spöttisch an. Sie sieht es und duckt sich vor seinem Blick. Niemals mehr wird sie ihm je gefallen. Sie kann machen was sie will. Sie kann ja noch nicht einmal Kinder zum richtigen Gehen bewegen. Einem schlurflosen Gehen. So ordentlich wie er. Heut lacht die Sonne nicht. Sie sticht.

Der Kleine läuft voraus. „Lauf nicht so schnell! Laufen staubt noch mehr als schlurfen! Du fällst gleich hin! Dann ist deine Hose auch noch versaut! So wie meine!“ Befehlssätze. Andere kennt er nicht. Er brüllt jetzt. „Ich hab gesagt, du sollst nicht laufen! Du fällst jetzt!“ Ein Direkbefehl! Sie duckt sich. Schnell.

Der Kleine fällt. Natürlich fällt er. Nun liegt der verdreckt im Staub. „Hab ich es nicht gesagt?!“ Er brüllt es fast triumphierend. „Warum kannst du nicht ordentlich neben uns gehen?“ Tränen schießen ein. Bei dem Kleinen. Mutters Augen weinen schon lange nicht mehr. Sie wählt den trockenen Schmerz für die Seele. Sie wird lieber kleiner dabei. Innerlich. Durch das viele Ducken.

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Kannst du nicht mal unsere Kinder erziehen?“ Sie kennt die Frage. Sie ist täglich ernst gemeint. Täglich, niederdrückend. Sie traut sich kaum, den Kleinen zu streicheln. Dann verwöhnt sie ihn doch wieder. Sie hebt ihn nur auf. Stellt ihn auf seine kleinen Beine. Die Tränen des Kindes trocknet sie ganz schnell mit dem Taschentuch. Damit er nicht wütend wird. Er soll diese Tränen des Kindes nicht sehen. Es erzeugt weitere Wut. Die Wut tötet sie. Aber nur langsam. Ein Tod der ein Leben lang dauert.

„Schau dir nun an, wie dreckig du bist! Ich hab es doch gesagt! Du fällst hin! Und staubst uns voll! Warum kannst du nicht hören!“ Die Stimme ist bissig und schrill. Der Kleine weint nun viel lauter als beim Stürzen und Tränen schießen erneut ein. Die Angst schreit sich wie von alleine aus dem Mund. „Heul nicht so rum! Dir ist nichts passiert! Hast nur alles versaut!“ Sie ist wortlos.

Sie spricht schon lange nicht mehr. Nichts Unnötiges. Nichts in seiner Gegenwart. Nichts, was ihn noch mehr aufregen, erzürnen könnte. Abends spricht sie. Mit den Kindern. Am liebsten beim Beten. Leise.

„Schau dir dein weißes T-Shirt an!“ Er ist außer sich. Sonntagnachmittagsstimmung auf dem Land unter der stechenden Sonne. Auf den wunderbaren Feldwegen. „Und deine helle Sommerhose! Die hat die Mama doch extra für heute sauber gewaschen!“ Der Kleine heult noch immer. Die Stimme schmerzt. Die Worte hört er – aber er versteht sie nicht. Aber die Mutter trocknet noch einmal die Tränen – und schweigt.

„Warum kann er bloß nicht hören!“ Die Wut des Vaters schlägt in Verzweiflung um. Warum hat Gott ihn mit einer solchen Frau gestraft? Warum mit einem solchen Kind? Fast vier Jahre ist er. Er kann immer noch nicht gehen! Kann nur schlurfen. Oder rennen. Oder Unsinn machen. Mit vier Jahren kann man doch schon hören! „Hat er was mit den Ohren?“ Er meint die Frage ernst. „Warst du mal beim Ohrenarzt mit ihm?“ Die Frage klingt streng. Sie lügt. „Ja. Er ist gesund. Der Ohrenarzt hat es bestätigt.“ - „Und warum hört er dann nicht, wenn ich sage: "Du fällst gleich hin!“?"

Das ist zuviel. Sie antwortet. „Er hat doch gehört. Er fiel doch!“ Dann rutscht die Hand des Vaters aus. Schnell und plötzlich. Die Lippe der Mutter blutet ein wenig. Doch sie weint nicht. Der Kleine weint noch immer. Weint für die Mutter mit. Es tut nicht weh. Nicht äußerlich. Nur die Stimme. Sie tut weh. Drückt nieder, immer tiefer. Ganz klein wird man bei dieser Stimme. Bis man tot ist. Aber das geht langsam. Zu langsam.