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27. November 2013

Wünsche und Abhängigkeit

Verführerischer Konsum. Von Christa Schyboll

Sarah wünscht sich was. Schon wieder einmal. Sie wünscht sich ständig etwas. Niemand kann diese Wünsche befriedigen. Selbst wenn man ihr kauft, was sie sich wünscht, wünscht sie sich gleich darauf wieder etwas anders. Wunschsucht.

Diese Krankheit kennen viele Menschen. Sie ist deshalb nicht gleichbedeutend mit Kaufsucht, weil zu letzterer oftmals das Geld fehlt. Aber das Ergebnis ist meist ähnlich. Eine innere Leere, sobald der Wunsch befriedigt wird. Die Erfüllung, die man so sehr ersehnte, gipfelt im Habenmüssen. Nicht im Sein mit dem Gegenstand, nicht in einer Zufriedenheit durch ständigen Gebrauch. Er wird schnell uninteressant. Hauptsache nur, man besitzt ihn.

Sarah ahnt ihr Problem. Aber sie sieht es noch nicht offensichtlich genug, um auch schon erfolgreich gegensteuern zu können. Das Wünschen geht weiter, obschon sie spürt, das die Erfüllung merkwürdiger Weise keine Befriedigung bringt. Aber bis zur Erfüllung lebt sie in einer Erwartungs-Fülle. Sarah sieht doch, dass die meisten ihrer Freunde es genauso handhaben. Sie leisten sich, was sie können. Alles in der Regel nur kurz. Viele auch das, was sie nicht können. Das Band der Möglichkeiten ist dehnbar. Bis es reißt. Dann wird der alte Besitz verkauft. Aber nur zum Zwecke, möglichst schnell wieder neuen anzuschaffen. Wunsch wird zur Betäubung. Betäubung zu einer Art Ersatzleben, weil ein wunschloses Leben jenseits jeder Vorstellungen liegt. Der Wünschende sitzt im Hamsterrad. Er tritt Tag und Nacht auf der Stelle, bekommt, nimmt, verliert und hält die Wirtschaft in Gang.

Es gibt Zeitgenossen, die Wunschlosigkeit oder Bescheidenheit leben. Freiwillig, nicht aus Armut. Menschen, die wirklich nur wenig brauchen, weil sie alles Wesentliche haben. Jedoch definieren sie dieses „Wesentliche“ anders als jene, die in der eisigen Klammer ihrer Wunschsucht gefangen sind. Diese Menschen speisen ihr „Wesentliches“ aus sich selbst, sieht man von einer menschenwürdigen Existenzsicherung ab. Aber soll man sich etwa nichts mehr wünschen? Was wäre denn das für eine Welt! Soll etwa jeder nur noch asketisch leben? Was wäre mit Kunst und Schönheit und all den Kräften der Phantasie, die wunderbare Dinge vermögen? Unser globales Wirtschafts-System würde schnell zusammen brechen. Auch das derjenigen, die nur noch eine minimale Existenzsicherung favorisieren, die doch auch nur im Zusammenwirken der Gemeinschaft zu gewährleisten ist. Denn auch das ist das Ergebnis von Konsum und Wunscherfüllung, die nicht nur zur Sucht werden kann, sondern auch den inneren Reichtum des Menschen durch die Dinge spiegelt und ihm vortreffliche Ausdrucksmöglichkeiten schafft.

Wünsche sind gesund, so lange man frei darin bleibt. Wünsche zu haben, ist großartig, so lange man eine eventuelle Absage oder Verneinung eines Wunsches locker und fröhlich verkraften kann. Wünsche aber werden heute auf so unnatürliche Weise gezüchtet, weil man die Menschen zur Sucht manipuliert. Und an diesem Punkt beginnt die Gefahr. Kennt man sie, ist sie keine mehr. Aber dazu sollte man immer wieder das eigene Wunschbild des Wünschens in Frage stellen und sein Glück niemals allein an die Wunscherfüllung koppeln. Der Wunsch ist der Weg. Und der Weg bietet Zielgeraden und verschlungene Pfade ins eigene Seelengestrüpp.