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07. Juni 2012

Vorwürfe

Von Bumerang-Geschossen, die dicke Beulen hinterlassen können, schreibt Christa Schyboll

Jeder kennt sie, jeder macht sie, keiner mag sie hören. Vorwürfe. Egal, ob berechtigt oder unberechtigt, wenn sie erklingen, kühlt sich spontan die Raumtemperatur ab und erhitzt dafür die Gemüter umso mehr. Fast scheint es als handele es sich um eine Wärmeaustauschaggregat zwischen Raum und menschlichem Träger.

Der Ton macht die Musik? Ja. Sicher auch. Aber nicht nur. Es gehört ein umfassendes Sortiment an mentalem Feinwerkzeug dazu, wenn man Vorwürfe so platzieren kann, dass sie anschließend eine durch und durch positive Wirkung haben. Es ist keinesfalls immer damit getan, wenn man sie nett und freundlich formuliert. Die Gefahr besteht nämlich dann, dass sie glattweg überhört oder einfach nicht ernst genommen werden. Äußert man einen Vorwurf fester, wird oft sehr schnell Verunsicherung geschürt, die den Automatismus des Selbstschutzes auf den Plan ruft. Und der sagt erst einmal: Nein. War ich nicht! Bin nicht schuld! Weise ich zurück!

Ein „tut mir leid“ kommt eher weniger Menschen über die Lippen. Die, die das können, sind schon einen gewissen Reifeweg gegangen. Aber sie können auch zur Gruppe der Fatalisten gehören, die es stoisch zu allen Gelegenheiten bereits so inflationär benutzen, dass es seinen Wert verliert, weil eben kein Ernstes Bedauern dahinter steht, sondern nur noch eine leere Floskel.

Was überhaupt ist denn ein Vorwurf? Braucht man ihn? Gibt es nicht Alternativen im Vorfeld?

Zunächst ist er eine Reaktion oder Äußerung. Aber um ein echter Vorwurf zu werden, ist damit auch eine Kritik oder Ablehnung verbunden, die nicht selten mit einer Beschimpfung oder einer gegenseitigen Beschimpfung endet. Dass beides eine Kraftverschwendung ist, weiß zwar jeder, kommt aber offenbar nicht umhin, immer wieder selbst auch dieses Werkzeug als Äußerung einzusetzen. Warum?

Im Grunde ist es so einfach, wie es vielfältig ist: Einfach deshalb, weil die Zeit fehlte, der Stress gerade zu groß ist, die Nerven blank liegen, für ruhige Bedachtheit kein Rahmen geschaffen wird, die psychologische Auswirkung nicht beachtet oder durchschaut wird und ähnliches mehr. Vielfältig ist das jeweilig dahinter stehende Bewusstsein, seine Motive, der Einzelfall, der Gesamtkontext, die Frage der Wiederholung und Häufigkeit, die den Vorwurf auslöste.

Kann man dieser Falle entkommen? Ja. In kleinen Schritten, die viel Selbstbeobachtung und auch eine gute Portion Selbstkritik brauchen. Dann ist es möglich, komplizierte Situationen mit anderen Menschen durchaus kritisch, aber ohne Vorwurfshaltung erst einmal in Ruhe zu klären. Wissend darum, dass man mit dieser ruhigen Vorgabe letztlich aber mehr Zeit und vor allem Kraft- und Nervenreserven schont, als wenn man unbedacht mal wieder unnütz Löcher in eine Zusammenarbeit oder Beziehung schlägt.