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15. August 2010

Lebenskrisen

Unsere ungeliebten Entwicklungshelfer von Christa Schyboll

Lebenskrisen nicht irgendwann zu bekommen, könnte bedenklich sein. Sie immer mal wieder zu haben, ist dann gesund, so man auch wieder den Ausgang aus der vorübergehenden Hölle findet, die man in solchen Phasen erlebt.

Lebenskrisen sind Entwicklungschancen, die jeden einzelnen von uns weiter tragen auf eine andere Ebene des Verstehens oder der Akzeptanz, einer Sinnfindung oder Läuterung. Lebenskrisen sind notwendige Reifungsprozesse, die einen inneren Appell an uns richten, neu auf uns und unser Leben zu schauen. Wie leben wir derzeit, was belastet uns, wo sind die Leichen im Keller versteckt? Privates und Berufliches kommt in die Bilanzierung und fällt nicht selten sehr ambivalent aus. Dann hat man noch Glück gehabt. Andere sehen oft nur rote Zahlen und damit schwarz für sich selbst und ihre eigene Zukunft.

Wie begegnet man nun den Lebenskrisen oder merkt überhaupt, dass man in einer steckt? Nicht alle Befindlichkeitsstörungen müssen gleich eine Krise sein. Eine Krise macht sich bemerkbar durch die Heftigkeit, die Dauer und die Fragestellung. Ist die Fragestellung oder das Problem nur auf einen zentralen (beispielsweise beruflichen) Knackpunkt gerichtet, muss man nicht von einer Lebenskrise ausgehen. Dennoch kann eine solche Problematik erstes Anzeichen sein oder zum Auslöser führen.

Ist man sich sicher, in einer Lebenskrise zu stecken, kann eine professionelle Hilfe von außen enorm wichtig werden. Professionell bedeutet aber nicht unbedingt und immer einen akademisch-medizinisch-psychologischen Hintergrund, sondern vor allem eines: echte zwischenmenschliche Kompetenz und möglichst Erfahrungswissen selbst gemeisterter Krisen. Junge Psychologen haben dies keineswegs immer, nur weil sie ihr Studium an der Universität summa cum laude absolviert haben. Krisen erfahrene Freunde, die über Sensibilität, Einfühlungsvermögen und Ihre persönliche Situation sehr genau Bescheid wissen, können unter Umständen auch beste Hilfestellung geben. Nicht alles im Leben ist für Geld oder auf Krankenschein immer zu bekommen. Manches ist gratis und qualitativ dazu. Die Gegebenheiten des Einzelfalles, seiner Möglichkeiten und der Gefahren dabei sind jedoch zu beachten.

In kaum einem anderen Gebiet als der Lebenssinn- und -krisenfrage ist menschliche Kompetenz durch Erfahrung so unersetzlich. Zu dieser Erfahrung gehört dann auch das Wissen, dass man seinen eigenen Weg nicht übertragen, aber Hinweise geben kann, den eigenen authentischen Weg aus dem Labyrinth von Ohnmacht und Schmerz zu finden.

Besonders wertvoll sind oftmals die durchs Feuer des Lebens geschrittenen Krisenerfahrenen, die nicht nur schwerste persönliche Probleme zu meistern wussten, sondern sie transformierten und dabei ihren Humor und ihre Lebensfreude noch vertieften. Sie haben oftmals den inneren Abstand in einer so gesunden Weise, dass sie mit Feingefühl sich in die Krise des anderen hineinzuversetzen wissen und ihr zugleich aber auch jene dramatische Spitze nehmen können, die die Krisengeschüttelten oft nicht mehr klar denken lässt.

Lebenskrisen sollte man trotz und im Schmerz willkommen heißen. Man sollte sie beobachten, analysieren und darf sich auch einmal gern den Tränen hingeben. Entscheidend ist aber, sie nicht unnötig zu dramatisieren, sondern als das zu nehmen, was sie sind: Entwicklungshelfer auf unserem Weg einer geistigen Evolution, deren Ende für keinen von uns in Sicht ist.

Lebenskrisen die Türen öffnen heißt aber auch, sie wieder gut und gern nach einer kleinen gemeinsamen Phase zu verabschieden. Sie haben auf Dauer nichts in uns verloren. Sie gehören nur zu den vorübergehenden Gästen. Bleiben sie konstant, dann ist etwas sehr schief gelaufen. Kommen sie immer mal wieder, dann klopfen Sie sich tapfer auf die Schulter in dem Wissen, dass nur die Besten eben auch starke Prüfungen vom Schicksal bekommen und das Potential haben, sie gesund durchzustehen und daran zu wachsen.