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29. Dezember 2014

Die Sache mit dem Respekt

Fragen von Christa Schyboll

Welchen Wert messen wir dem Respekt in Zeiten ausufernder Tabulosigkeiten zu? Was empfinden wir selbst, wenn uns Respekt entgegengebracht wird und was, wenn er von uns abgefordert wird? Ist die Frage einer respektvollen Erziehung auch zentral wichtig für die Weiterentwicklung des Kindes zu einer reifen Persönlichkeit?

Wer oder was hat Respekt verdient? - Für den ernsten, schöpfungszugewandten Menschen ist diese Eingangsfrage lächerlich. Denn natürlich hat doch ALLES Respekt verdient. Alles, weil es Teil einer grandiosen Schöpfung ist, die uns ihre Wunderwerke täglich neu in Hülle und Fülle kostenlos verschenkt. Man muss nur schauen und genießen, der Respekt erwächst für erkennende Menschen sogleich.

Der Mensch der Gegenwart ist jedoch häufig noch kein guter Erschauer, Erkenner und Genießer dieser Art Meisterwerke, sondern oft ein Nörgler, Zweifler und ein Lästermaul. Mit seinem noch sehr unzuverlässigen und nur sehr begrenzt wachen Bewusstsein torkelt er durch den Tag und richtet seinen Blick gern auf das Schlechte, das ihm auch an jeder Ecke begegnet. Mal in Form einer Schmiererei, mal in Form einer frechen Anmache. Da erkennt er fast nichts, was seinen Respekt verdient. Vielleicht erleben wir alle ihn deshalb auch so selten? Der Durchschnittsmensch unserer Tage ist in der Regel eben nicht von jenem inneren Ernst beseelt, den ein schöpfungsbewusster Mensch in sich trägt, lebt, versteht und mit Gedanken und Taten auch verantwortet.

Widmen wir uns also kurz der alltäglichen Respektlosigkeit und dem Fehlverhalten, das uns allerorten heimsucht.

Was bedeutet Respekt überhaupt? Es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet dort "Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung". Wir verstehen heute darunter eine Wertschätzung oder eine Aufmerksamkeit gegenüber einem anderen Lebewesen oder auch einer Institution. Will man dieses Empfinden an ein höheres Wesen beschreiben als es der Mensch selbst ist, also Gott, so würde man sogar von Ehrfurcht sprechen, die eine Steigerung des Respektes bedeutet.

Was uns im Alltag aber viel häufiger begegnet, sind Respektlosigkeit, Missachtung oder auch verschiedene Formen von Verachtung. Es betrifft lebende und tote Menschen wie auch Tiere oder Dinge gleichermaßen.

Ist Respekt nur allein eine Frage von Erziehung? Ich weiß es nicht, bin aber sicher, dass Erziehung und Prägung schon eine sehr wichtige Rolle spielen. Lehrt man ein Kind, Achtung vor der Schöpfung und auch der Andersartigkeit jeden Lebewesens zu haben, lehrt man es, auch die Dinge, die Materie zu achten und wertzuschätzen, dann sind dies lebenslang prägende Impulse, die sich vermutlich in tiefem Respekt auszudrücken wissen. Kinder ahmen vor allem die Eltern nach. Ihnen kommt in Sachen Erziehung die Schlüsselrolle zu. Von ihnen übernimmt es Verhaltensweisen ganz automatisch. Sie müssen nicht einmal verbalisiert werden. Das Kind schaut genauer hin, als man es für möglich hält. Gründe genug, sich als Erwachsener vorbildhaft zu verhalten, wenn man möchte, dass auch das eigene Kind mit der Gabe des Respektes aufwächst.


Respekt ist mehr als nur Höflichkeit


Es gibt Menschen, die verwechseln Respekt leicht mit der Höflichkeit, die ebenfalls ja eine Qualität bedeutet. Respekt wird im Laufe des Lebens zu mehr. Zu einem Verstehen der Zusammenhänge, die erst den Respekt in uns reifen lassen. Es ist leider aber auch eine Qualität, die so manch ein Kind nicht kennen lernt. Denn auch Kindern hat man respektvoll als Erwachsener zu begegnen. Die falsche Art von Macht auszuüben, nur weil Kinder schutzlos sind, ist eine infame Respektlosigkeit, die leider oft anzutreffen ist.

Eltern, die Respekt vorleben, werden entsprechend von ihren Kindern auch so behandelt werden. Umgekehrt gilt ähnliches. Man sollte also auch den Bumerang-Effekt in der Psychologie hier nicht aus den Augen lassen und sich fragen, wie man seine soziale Umwelt gerne hätte. Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es eben auch heraus.

Die Ausnahme-Zeiten der Pubertät für so manchen Heranwachsenden lässt so manchen Respekt zwar vermissen. Aber man muss keine Sorge haben: Hat das Kind grundsätzlich respektvolle Eltern und eine gute Erziehung erlebt, dann sind die Experimente mit der Respektlosigkeit nur als vorübergehend zu betrachten. Das Gute wird sich durchsetzen, wenn der Mensch damit aufwuchs. Die Qualität des Guten steht einfach über der möglichen Alternative. Aber man sollte sie eben auch kennen und erlebt haben.

Erwachsene, die andere Erwachsene vor Kindern schlecht machen, missachten, entwürdigen, niedermachen, mit Neid oder Missgunst überziehen, auch in subtiler, leiser Form, impfen den sie umgebenden Kindern schon früh jene Respektlosigkeit ein, die später häufig dazu führt, dass entfesselte Kräfte ihren eigenen Nährboden suchen und finden. Das kann sich in diversen Formen von Wut, Zerstörung, brachialer Gewalt gegen Menschen, Tiere oder Dinge zeigen. Auch durch eine destruktive Grundhaltung dem Leben und allem Sein gegenüber kann ein zerstörerischer Keim gelegt werden. Kein Respektempfinden zu haben, ist wie eine schlimme Krankheit, die leider nur nicht blutet.

Überall wo wir auf Formen von zwischenmenschlichen Zerwürfnissen heftiger, böser Art stoßen, die würdelos ausgetragen werden, ist der Mangel an Respekt offensichtlich und beginnt sein zerstörerisches Werk.


Respekt selbst vor dem Feind


Es soll Zeiten gegeben haben, da war der Respekt in vielen Menschen so stark verankert, dass ihn selbst Feinde gegeneinander bezeugten. Das waren dann offene, faire Kämpfe, ritterliche Kämpfe, die in der Regel auch keinen Todesstoß versetzten, weil der Sieg über den Gegner ihn großmütig genug sein ließ, auch dem Todfeind Respekt vor der Würde seines Lebens zu geben.

Nun ja, die Anzahl solcher Ehrerweisungen wird sich in einem überschaubaren Prozentsatz gehalten haben und hat sich leider heute auch nicht in der Evolution der Moral durchgesetzt.

Dennoch ist danach zu streben, Kindern früh Respekt vorzuleben durchs eigene Tun. Wem Respekt entgegengebracht wird, kann zudem ein feineres Empfinden auch für sein Gegenüber entwickeln. Insofern ist die Frage einer respektvollen Erziehung auch im Hinblick auf die geistige Weiterentwicklung des Menschen von Relevanz. Natürlich sprechen wir hier vom echten Respekt und nicht von abartigen Zwängen, die Menschen hin und wieder auch durch Macht- oder Staatsgewalten zwangsverordnet wurden. Das sind dann Methoden von Einschüchterung und Angst und nicht mit den rechten Formen von Respekt zu verwechseln.

Respekt zu leben ist vor allem letztlich eine Sache des Alltags. Er beginnt am Morgen mit dem Grüßen und mit der Wachheit, für die Wunder und Schönheit eines neuen Tages. Er beginnt mit dem Wahrnehmen des anderen, seinen Anforderungen, die er heute wieder zu bestehen und zu meistern hat und damit, dass seinem Wirken der gleiche Respekt gezollt wird, wie ihn wir selbst auch gerne für unsere Arbeit oder unser Sein erfahren möchten. Respekt kann auch zur Dankbarkeit führen. Dank für alle, die diese Welt hegen, pflegen, aufbauen, erhalten, verschönern und liebenswert machen – allen Widrigkeiten zum Trotz. Und am Abend sich mit leisem Respekt vor dem Wunder des Lebens an sich zu verneigen ist eine schöne Haltung, die die wohlverdiente Ruhe der Nacht mit einem guten Impuls begleitet, der Wirkung haben wird.

Respekt zu erfahren ist ein Geschenk, das weiter an andere Menschen reich verschenkt werden sollte. Behandeln wir uns alle respektvoll und gut, dann stärken wir auch all die vielen guten Kräfte in uns, die der Stärkung noch bedürfen, um unser Leben noch mehr zu bereichern.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.