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23. Januar 2016

Besser lächerlich als langweilig

Lebensmotto oder Verlust des Peinlichkeitsempfindens, hinterfragt Christa Schyboll

Ein Blick auf Facebook und das aktuelle Lebensmotto von Millionen Teenager ist klar: Besser lächerlich als langweilig. Spaß muss sein, denn Leben macht Spaß - nein, Leben ist Spaß. Regeln waren gestern, denn morgen machen sie die Regeln. Oder gibt es ein böses Erwachen…?

Seitdem die Menschheit vom Hype der Selbstdarstellung befallen ist, ist auch die alte Benimmregel, sich möglichst im Leben nicht zu blamieren, ausgeknockt. Ginge es dabei nur um die Fotomanie der Selfies, wäre das Thema schnell erledigt. Hier ein Lächeln, da ein Grinsen, dort die Grimasse oder frech die Zunge raus oder Schmollmund zum Kuss geformt - das ist der Mindeststandard, der möglichst mehrfach täglich dem Rest der Menschheit mitgeteilt werden muss. Ohne diese Information ginge die Welt zugrunde.

Da dies aber bereits Millionen – oder sind es bereits Milliarden? – von Menschen in fast der gleichen Art tun, entbehrt es mittlerweile jeglicher besonderer Bedeutung, weil es ja eben alle tun. Was alle tun, ist uncool. Aber nicht das zu tun, was alle tun, ist ebenfalls uncool, jedenfalls so lange, wie man mit dem Nichttun eben auch nicht auffällt. Auffallen, herausstechen aus der Mehrheit, selbst aus der Minderheit, ist angesagt. Wer das nicht schafft, gehört ja schon wieder zur langweiligen grauen Masse derer, die nur das tun, was andere tun. Langweiler sind peinlich. Sich lächerlich zu machen, bedeutet: Mut.

Was muss man also tun, um seine großartige Individualität der Menschheit nicht vorzuhalten? Am besten eine heftige Blamage! Oder einen Skandal! Es kann gar nicht peinlich genug sein, um anschließend ein heftiges Schulterklopfen für soviel "Mut" einzuheimsen. Womit? Egal! Es kann per Foto sein, per Verbalattacke oder auch als Ganzkörperinszenierung. Es braucht dafür auch kein künstlerisches oder politisches Motiv, sondern allein die Lust an der kurzzeitigen Berühmtheit für die weltweite Netzgemeinde. Likes müssen her, bis der Rechner qualmt. YouTube und die sozialen Medien machen es möglich. Aber sind sie auch schuld an diesem Unsinn?

Nein, natürlich nicht. Schuld ist jeder, der mitspielt. Aber als "Schuld" wird es ja auch nicht empfunden, sondern als Spiel. Als Jux, als Lebensgefühl. Was früher als schlechtes Benehmen galt, hat heute die Kehrtwende zur Bewerbung vollbracht. Der eigentlich angestrebte wahre Individualismus ist in vielen Fällen längst zum pathologischen Exhibitionismus verkommen.

Noch mag keiner von Megalomanie sprechen, vom Größenwahn, der sich in der Sucht nach Selbstdarstellung zeigt. Das ist derzeit noch gewissen Gewaltherrschern der Historie oder Gegenwart vorbehalten. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt schon darin, wenn der Slogan "lieber lächerlich als langweilig" zum Credo vieler junger Menschen weltweit ist oder zu werden droht.


Vom kurzen Triumph über den Langeweiler


Welche Sehnsucht steckt dahinter? Sind all diese unbekannten Möchtegern-Stars reflektiert in ihrem Tun? Bekommen sie zu wenig Aufmerksamkeit? Und wenn ja, welche Art von Aufmerksamkeit wäre dann die richtige, die ihnen passt? Eine, die nur sie alleine bekommen? Eine, die ihren Wert unterstreicht, der scheinbar höher liegt als der der anderen Mitkonkurrenten/innen? Geht es um Anerkennung – oder um die Kompensation eines heimlichen Minderwertigkeitsgefühls? Warum hat man es überhaupt? Welches Ziel streben all jene an, die sich lieber bis auf die Knochen blamieren, statt es zu ertragen, als "nur" durchschnittlicher Mensch zu gelten, der heute mit dem Begriff "Langweiler" sein Fett schnell abbekommt?

Wie immer verbieten sich allgemeine Antworten für individuelle Fragestellungen. Dennoch gibt es Trends, die auch ohne wissenschaftliche Statistiken zu beobachten sind. Und das ist die Gier nach Bekanntwerden, nach Berühmtheit – koste es, was es wolle. Fast scheint es, dass der alte Sponti-Spruch: "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt’s sich völlig ungeniert" zum ernsthaften Ziel junger Menschen wird. Einmal ins Fernsehen, auf den Walk, in die Talkshow, ins Dschungelcamp, zu Big Brother oder wenigstens doch als Statist bei der täglichen Soap. Dann bin ich wer! Dann kann ich angeben! Egal, ob ich dafür Kakerlaken zerbeißen muss oder auch jeglichen Erziehungsstil vermissen lasse. Hauptsache, man sieht mich, nimmt mich wahr – huldigt mir! Mir Hans-Eberhard Müllenkötter – oder mir Agatha Bernadette Schöppenmaul…!

Nun ja, manchmal schaffen ein Hans-Eberhard und eine Agatha das sogar. Sie machen sich gründlich lächerlich dabei. Das ist der Preis, den sie gern dafür zahlen. Dann leuchten sie vielleicht im Glanz all ihrer Peinlichkeit am Himmel der Blamage kurz auf. Kleine Kometen, die schneller verglühen, als sie es je ahnten… und später vielleicht dann auf der Therapiecouch landen, weil ihr Glanz doch allzu schnell erlosch. Aber immerhin waren sie für Stunden "wer"…? Wer? Ja, was denn? Ein personifiziertes Debakel, das es immerhin schaffte, sein eigenes Langweilerwesen mit seiner grandiosen Fähigkeit, sich bis auf die Knochen vor aller Welt lächerlich zu machen, noch zu übertrumpfen.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.