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30. Oktober 2013

Falscher Energie-Einsatz

Bei Claudio ist nichts im Fluss. Von Christa Schyboll

Ich bin Claudio, 39 Jahre alt, Elektrotechniker und bekenne mich: Ich gehöre zu den schwachsinnigen Menschen, die ihre Energie ständig falsch einsetzen, obschon sie es besser wissen. Bin ich deshalb als zwangsneurotisch einzustufen?

Ich weiß es nicht. Ich kenne mich mit den pathologischen Begriffen und ihrer merkwürdigen Grenzwertigkeit nicht aus. Aber mit meinen schwachsinnigen Schwächen umso besser.

Vielleicht macht mich das aber auch kompetent, hier ein paar Gedanken zu hinterlassen. Süffisant dabei ist der Zusammenhang zwischen meinem Beruf und meiner persönlichen Schwäche. Sie gehen eine fast schon makabere Konstellation miteinander ein. Beide kreisen um das Thema Energie. Doch was mir beruflich so leicht fällt, kann ich privat nicht verwirklichen: Sie Sache mit einem sinnvollen Energie-Einsatz.

Dabei ist es beruflich so einfach und klar: Ich weiß um die Kräfte der Starkstromtechnik. Kenne mich mit Messtechnik und Antriebstechnik aus. Habe Kenntnisse von der Schwachstromtechnik, die in der Nachrichtentechnik zur Anwendung kommt. Eigentlich müsste ich all diese Kenntnisse nur auf mein inneres System übertragen und schon wäre alles im Fluss. Aber so ist es nicht. Zum Glück verdonnert mich keine Macht dazu, all die Energie-Verschwendung hier und heute aufzulisten, die ich mir im Leben schon "leistete", weil ich keinen anderen Ausweg sah. So oft habe ich mich für Freunde, Jobs, Chefs, Aktionen oder Ideale aufgerieben, obschon niemand mich dazu zwang. Außer ich mich selbst. Ich zwang mich dazu, weil ich es für "richtig" hielt es zu tun, weil ich es "konnte" und sollte. Dass es dabei schon häufiger zur völligen Überlastung meines eigenen Energiesystems kam, das sich in Krankheiten oder Zusammenbrüchen zeigte, realisierte ich erst immer nach einem Gau. Ich selbst war es, der sich überforderte, nur weil ich den leisen oder sehr deutlichen Forderungen der anderen nachgab. Rücksichtslos gegen mich selbst, weil ja immer wieder neue Kraftquellen zu erschließen waren. Vielleicht war es mein Wissen um die Unbegrenztheit von Energie, an die ich auch im eigenen System glaubte und ihm dennoch nicht gewachsen war? Ein Glaube, der über meine Kraft hinausging? Vielleicht war das ein Teil des Dilemmas.

Diese immer wieder neu anzuzapfenden Energie-Zentren, die mir sagten: "Du schaffst das! Mach weiter!" … und auch Recht behielten, was das Äußere der Anforderungen betraf. Doch innen lief das Gegenprogramm ab. Dort realisierte etwas in mir diese unbändige Energieverschwendung und setzte sich bis tief in die Organe fest. Dort tobte der Kampf, den ich im außen nicht auch noch zusätzlich führen mochte. Zumal auch deshalb nicht, weil zu all der persönlichen Überforderung ja noch eine Reihe abschlägiger Bescheide an Dritte, Vierte, Fünfte verteilt werden mussten, unter denen ich zusätzlich litt. Ich gehörte einfach nicht zu jenen begnadeten Nein-Sagern, die ihre eigene Grenze sehr genau kennen und sich tausendmal gründlich überlegen, ob sie an diese Grenze aus welchen Gründen gehen wollen. All diese Ressourcenschoner! Wie verachtete ich sie mit ihrem persönlichen Weichspülprogramm.

Ich aber war ein Ressourcenverschwender. Ich verschwendete mich ans Leben und an den Reichtum von Erfahrung. Das prägte. Aber nicht jede dieser Prägungen war auch von Wohl und Heil. Denn dort, wo die Erfahrung als immense Anstrengung er- und gelebt wurde, hatte sich ein elementarer Fehler eingeschlichen: Falscher Energie-Einsatz am falschen Platz zur falschen Zeit. Und keiner zog für mich den Stecker!

Aber warum macht man das mit? Warum lässt man es zu? Warum geht man so weit? Warum wehrt man sich nicht früher gegen sich selbst? Jede Antwort darauf ist so individuell, wie es die verquickten Individuen sind und der Einzelfall. Warum? … Weil man noch blind war für sich und seine Grenzen. Für die Folgen von Überlastung und Überforderung. Weil man in Teilbereichen Angst hatte, sich abhängig fühlte, ohne das leise, hintergründige Gefühl zu begreifen. Weil Reife und Überblick fehlte, weil Souveränität nicht in jedem Augenblick des Lebens voll greift. Weil man eben Mensch ist … und kein Gott.