Anzeige

13. Oktober 2013

Jedes Leben hat sein Maß an Leid

Leiderfahrungen sind Grenzerfahrungen meint Christa Schyboll

Menschliches Leid: Die einen jammern ständig, die anderen tragen es tapfer. Wieder andere transformieren es auf eine Weise, die zum Erwachen führt und Leiderfahrung nach und nach immer unnötiger macht. Buddha sagt: "Jedes Leben hat sein Maß an Leid. Manchmal bewirkt eben dieses unser Erwachen."

Eigentlich sollte jedes Leiden zum Erwachen führen. Aber das tut es aber nicht, wie uns die Realität zeigt. Die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen den eigenen Fehlern und dem früher oder später erlebten Leid sind für viele Menschen oft so undurchschaubar, dass ihnen ein gemeinsames Ordnungssystem einfach nicht dazu einfallen mag oder sich im Bewusstsein als folgerichtig erschließt. Hinter diesem Wiederholungsdilemma stecken nicht nur allein all die vielen Wiederholungsfehler, sondern vor allem ein mangelndes Wissen über die Wirkung und Folgerichtigkeit der eigenen Gedanken und Gefühle, die sich letztlich durch unser Handeln oder Nichthandeln äußern.

Wie schnell kommt beim Leiden der scheinbar berechtigte Einwurf, dass doch ganz andere Faktoren als man selbst letztlich daran schuld sind. Mal ist es das Gift in Luft, Nahrung oder Trinkwasser, mal ist es die Erziehung, Prägung oder gesellschaftliche Umwelt, mal der Partner, die Kinder, die Freunde oder ein Unfallverursacher, die einem das Leid als Stempel geradezu doch aufzudrücken scheinen. Sie scheinen das Leiden des anderen dann durch ihr Versagen, Benehmen, einer Unkultur, Unaufmerksamkeit auf eine Art heraufbeschwören, die uns oftmals selbst als völlig unschuldig nach äußerem Recht dastehen lässt. Und in der Tat ist es ja so, dass es häufig auch Mit-Täter in bestimmten Situationen gibt und wo es uns ganz leicht fällt, den eigenen Anteil am Unglück oder Leid abzustreiten oder kleinzureden. Dennoch passiert nichts einfach nur so – selbst wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Die Schöpfung in ihrer Weisheit wird sich dumme Beliebigkeiten eher nicht leisten, sondern hat in ihrem scheinbaren Chaos eine feine Ordnung eingebaut, die uns ständig belehrt. Mal sind wir in dieser Ordnung ein „Opfer“, mal ein „Täter“. Die Täterschaft übergehen wir gerne. Das „Opfersein“ jedoch empört uns zutiefst und sucht Schuldige. All das führt in immer wieder neuen Situationen zu Unglück und Leid, das aber auch wieder vergeht und sich im neuen Gewand an anderer Stelle so oft wiederholt, bis wir den Zusammenhang zwischen Opfer und Täter begriffen haben. Unserer Verantwortung müssen wir aber in jedem Fall gerecht werden. Kein auch noch so nachvollziehbares Argument der Schuldzuweisung entlässt uns aus der Notwendigkeit, zu lernen. Auch verzeihen zu lernen unter anderem, wenn es noch unterentwickelt ist. Verzeihen jedoch kann man nur lernen, wenn man selbst in eine Situation gerät, wo einem Unrecht widerfährt. Und auch die Argumente der eigenen Entschuldigung, wenn man wieder einmal „Täter“ ist, zählen nicht im Sinne einer Verantwortungsabgabe an Dritte. Da mag es eine schwere Kindheit gegeben habe, ungünstige Umstände, die zu Behinderungen führten, einen schwierigen Partner oder ein materiell schon immer armseliges Dasein. Auch unter widrigen Umständen hat jeder Mensch zu lernen, was es mit Leiden auf sich hat und wann es verzichtbar ist. Leid ist auch kein dummes Zufallsprodukt, sondern ein Werkzeug zum eigenen Erwachen.

Haben nun manche Menschen viel Leid im Leben zu ertragen, während andere wenig zu schultern haben, hüte man sich vor vorschnellen Urteilen. Gerade spirituell interessierten Menschen kann hier eine bitterböse Falle in Bezug auf ein Fehlurteil auflauern. Denn die Größe und den Grund eines Leidens zu bemessen, steht deshalb keinem Menschen zu, weil er nicht die unvergleichlich individuelle Ausgangsposition mit all ihren Bedingungen, Verwirrungen und Verwicklungen eines anderen Menschen überhaupt kennen kann. Ohne diesen Überblick ist kein Urteil statthaft, weil die Urteilskompetenz fehlt. Fehlurteile sind schnell gesprochen und fügen den Irrtümern der Welt noch weitere ganz unsinniger Weise hinzu.

Leiderfahrungen sind Grenzerfahrungen für jeden Menschen. Hier wird ab einem bestimmten Schmerzlevel ein Punkt überschritten. Sei er körperlicher, seelischer oder geistiger Natur. Hier braucht es Mut und Vertrauen, wenn man über diese Grenze hinaus will. Dann findet Erwachen statt. Man hat etwas überwunden, weil man etwas nicht nur verstanden hat und überwunden hat, sondern gelernt hat, es auch ins eigene Sein zu integrieren.