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18. November 2009

Verliebt!

Beobachtungen über den schönsten Ausnahmezustand im Leben von Christa Schyboll

Sie strahlt. Er strahlt. Egal, ob sie zu zweit oder allein auftauchen: ihr Strahlen lässt sich mit nichts unterdrücken. Selbst im Dämmerlicht müssen keine Lampen angezündet werden, weil ihr Strahlen alles erhellt – metaphorisch gesprochen, nicht unbedingt rein lichtphysikalisch.

Sie strahlen, weil sie verliebt sind. Und sie sind es so sehr, dass sie sich nur noch in einem Ausnahmezustand befinden. Der Normalzustand ist ausgehebelt. Ihre entsetzlich gute Laune ist kaum auszuhalten. Ihre Toleranzschwelle hat eine Größenordnung von Großmütigkeit erreicht, die bedenklich wird. Ihre kritische Haltung zu diesem und jenem doch nun wirklich Ungeheuerlichen auf dieser Welt scheint einer inneren Amnesie zum Opfer gefallen zu sein. Selbst wenn sie selbst das Opfer von Witzen werden: sie lächeln. Sie küssen sich, umarmen sich, schlendern von dannen und bleiben freundlich…

Verliebte haben eine vollständig veränderte Biochemie. Das weiß man längst. Es ist z.B. nachweisbar im Blutdruck oder den Hirnaktivitäten. Völlig andere Reizmechanismen bestimmen diese beiden Körper. Aber das ist nicht wirklich ihr Geheimnis. Dies alles und mehr ist nur die messbare Auswirkung ihres Geheimnisses, welche nur zustande kommen konnte, weil VOR diesen biophysikalischen Veränderungen ein tiefes Gefühl zwischen den Verliebten entstand. Eine Anziehung von so gewaltigem Ausmaß, dass ihre Welt sich schlagartig veränderte. Eine Art innerer Polsprung, wo alles auf den Kopf gestellt wurde, was gestern noch einer anderen Wirklichkeit unterlag. So als hätten sich endlich zwei Menschen gefunden, die sich schon immer gesucht hatten in Zeit und Raum.

Bewegen sie sich unter Nichtverliebten, also den durchschnittlich Unglücklichen des Lebens schlechthin, so wird so manch einem anderen Mensch der Neidschauer über den Rücken kriechen. Oder die Erinnerung: Ach, das hatte ich auch einmal! Das kenne ich noch… so lange ist es her! – Aber auch die Erfahrung: Das ist Übergang! Das hält nur eine gewisse Zeit. Dann gelten andere Gesetze! Dann wird sich zeigen, welchen Weg die Verliebtheit denn einschlägt: Den der Liebe – oder den der Trennung.

Stark verliebten Menschen ist gemein, dass sie ihr Gefühl in der Regel auch als „Liebe“ deklarieren und keineswegs „nur“ als Verliebtsein. Es ist so groß, so umwerfend, so bestimmend und überwältigend, dass ein Mindesthaltbarkeitsdatum erst gar nicht ins Auge gefasst wird. Jedenfalls nicht jetzt und zur Zeit. Und all diese Unkenrufe, dieses Belächeltwerden der anderen: Es zählt nicht. Es zählt der Augenblick – und der ist schön!