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25. Januar 2012

Meinungen

Chance oder Risiko der eigenen Meinungsbildung, von Christa Schyboll

Nicht jeder hat zu allem eine Meinung. Meinungen sind subjektiv erworbene Anschauungen oder Einstellungen, die auf äußerst unterschiedlichen Erfahrungshintergründen basieren.

So ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass man in der gleichen Sache zu absolut gegenteiligen Meinungen kommen kann, selbst dann, wenn beide Parteien sich um Objektivität bemüht haben. Jeder deutet ein jegliches Geschehen anders und entwickelt entsprechend dazu eine eigene Meinung. Manchmal entwickelt man auch keine Meinung, sondern nur ein diffuses Gefühl, das man selbst kaum in Worte fassen kann. Das ist vor allem bei entweder sehr komplexen Vorgängen der Fall oder bei Themenbereichen, die einen kaum interessieren und wo man auch keine Neigung zu tieferer Auseinandersetzung verspürt. Dann hat man halt eben keine Meinung.

Ein ganz anderer Fall ist es, wenn man sich durchaus eine Meinung gebildet hat, aber zu feige ist, sie auch kundzutun. Mit einer eigenen Meinung wird man ja angreifbar. Man muss sich eventuell starke Gegenargumente anhören und könnte peinlich vorgeführt werden. Man könnte wie ein Idiot da stehen, nur weil man fachlich in einer bestimmten Sache nicht so versiert ist oder der Meinungsgegner klar im Vorteil ist aufgrund seiner verbalen Taktik. Anderen wiederum bringt genau das immense Lust. Sie wollen sich messen. Dabei geht es nicht um den Sieg nach Punkten, sondern um den Vorgang des Messens an sich. Ein intellektueller Ringkampf oder eine fast schon ästhetisch-gekonnte verbale Auseinandersetzung - alternativ ein primitiver Schlagabtausch grober Worte… je nach Stil, Gegnerschaft und Thema.

Wer Recht hat, entscheidet jeder Zuhörer letztlich eh für sich. Basierend auf dem eigenen Verständnislevels und der eigenen Anschauungen. Mal ist es der lautere oder scheinbar potentere Gegner, mal der mit den tatsächlich besseren Argumenten – mal einer, der zufällig der eigenen Meinung am nächsten kommt oder einer, der seine Argumente einfach nur geschickter zu verkaufen versteht.

Meinungen führen bei manchen Menschen schnell zu Urteilen – und bei den besonders schnellen oft blitzartig zu Vorurteilen. Einmal laut kundgetan, so kann man schneller auf etwas festgenagelt werden, als einem lieb ist. Politiker bekommen das besonders häufig zu spüren, wenn sie mit ihren Anschauungen oder Meinungsäußerungen aus der Vergangenheit konfrontiert werden. Besser also den Mund halten, damit man nicht in Bredouille kommt? Aber wo bleiben da die Eigenfarben der Persönlichkeit? Wo jene individuelle Ausprägung, die uns einzigartig macht, weil wir ja nun kein Massenvieh sind, das kognitiv gleichgeschaltet wird.

Vielleicht besteht ein Ausweg in der Offenheit, die zwar die eigene derzeitige Meinung zu einer Sache durchaus klar kundtut, aber bescheiden hinzufügt, dass man selbst eben auch lernfähig ist und bleibt, so man mit überzeugenderen Argumenten, als man sie selbst hat, beschenkt wird. Aber das muss dann erst einmal gelingen!