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28. Dezember 2014

Vom Besserwisser und Welterklärer

Eine Beobachtung von Christa Schyboll

Besserwisserei begegnet uns im Alltag auf Schritt und Tritt. Ob er zu den Opfern oder zu den Tätern gehört, mag sich jeder leise selbst fragen. Obschon Besserwisserei oftmals näher an der Wahrheit oder gewissen Details sein kann, nervt sie uns oft. Sind wir am Ende zu empfindlich oder eifersüchtig auf das Mehrwissen anderer?

Jens sagt immer gern offen seine Meinung. Er ist dabei sehr direkt und steht zu seinen Anschauungen über das Leben und die Menschen an sich. Er hält sich für einen besonders feinen Beobachter. Dennoch bekommt er häufig Ärger, wenn er sich so offen äußert. Wieso eigentlich?

In gewisser Weise ist Jens zugleich auch stolz auf die bitterbösen Angriffe, die ihm zu mancher Stunde wie ein Hurrikan um die Backen pfeifen. Er hält es für ein Zeichen von Zivilcourage, wenn er kein Blatt vor den Mund nimmt. Ist doch jeder ein freier Mensch und kann entsprechend zurückantworten, meint Jens. Lautstark, ungefragt und unerbeten äußert er sich zu allem und jedem. Zu zwischenmenschlichen Verhaltensweisen oder zu Geschenken, zu Karrieresprüngen oder dem alltäglichen häuslichen Elend an sich. Vor allem dann, wenn es das Schicksal anderer Menschen betrifft.

Jens kennt die Welt und seine Bewohner. Zumeist sind sie selbst schuld, was ihnen so alles passiert, sehen es aber partout nicht ein. Dabei unterstellt ihnen Jens nicht nur eine große Portion Ignoranz vor der selbstgeschaffenen Realität, sondern natürlich vor allem mangelnden Durchblick. Deshalb hilft er ihnen auch gern beim Denken. Er analysiert erbarmungslos klar die jeweilige Situation und legt seine Finger selbst in eiternde Wunden. Es versteht sich doch von selbst, dass er dabei nicht immer auf jede Empfindlichkeit Rücksicht nehmen kann. Alles hat halt seinen Preis, wenn Jens' tiefes Wissen gefragt ist.

Ist es denn gefragt? Diese Frage erübrigt sich deshalb für Jens, weil sie ein so selbstverständliches Ja voraussetzt. Allein eine solche Frage an sich ist doch nur absurd und weist einen solchen Fragesteller ins mentale Aus. Jens fragt auch nicht nach Zeitqualitäten. Jeder Zeitpunkt ist richtig. Es gibt für ihn keinen falschen Moment. Jedenfalls keinen, der ausgerechnet dann auftritt, wenn er zu dozieren beliebt und um sein mitmenschliches Werk der Aufklärung um die Dinge weiß.

Seine frank und frei heraus posaunte Meinung ist nicht nur nicht mehrheitsfähig, was er aber immer nur am Rande ein wenig registriert. Sie zeichnet sich zudem auch durch einen Mangel an Geist und Urteilskompetenz aus. Von Esprit oder Charme ganz zu schweigen. Das wiederum sagt ihm niemand so klar. Und ihm selbst entgeht dieser Umstand. Außerdem ist es ja auch nur seine Meinung, die er äußert. Und das darf er doch wohl als aufrechter Demokrat in einem demokratischen Land. Seine Meinung sagen!


Die Sternstunde der Reflexion


Diese seine Meinung trägt die Merkmale eines frisch geschliffenen Stiletts, auf dessen Spitze für so manchen eine böse Dosis Besserwisserei lauert, um Geist oder Gemüt eines treuen Zuhörers endgültig zu massakrieren. Zumindest aber werden die Nerven der Zuhörer angesichts dieser inflationären Jens-Weisheiten aufs Äußerste strapaziert. Warum kommt nur manch einem Zuhörer das alte Wort "Maulheld" in den Sinn?

Hin und wieder, in stillen Stunden, geht Jens ein wenig in sich. Dann reflektiert er all diese bösartigen Angriffe, denen er gefühlt doch immer wieder neu unter seinen Mitmenschen ausgesetzt ist. Nicht, dass ihm jemand dabei verbal das Wasser reichen könnte. Da muss er sich nicht sorgen. Aber diese neidische, ja oft auch feindselige Stimmung der anderen, jener Missgünstigen und Argwöhnischen mit schwacher Hirnsubstanz, fühlt er ja dennoch in seiner feinsinnigen Geistesgegenwart. Eine kleine innere Stimme piesackt und stichelt weiter: "Na, Deine Freunde scheinen mir aber nicht so sonderlich überzeugt von deinem Argumentekanon zu sein."

Hat Jens am Ende eine falsche Menschheit anlässlich seiner Geburt gewählt? Eine, die noch nicht reif für seinen Blickwinkel ist? Muss er tatsächlich auf mehr Zukunft hoffen, bis eine solche Welt wie diese erkennt, auf was sie verzichtet, wenn sie Jens nicht zum Lauf der Dinge befragt?

Oder hat Jens am Ende jene unbotmäßige astrologische Märtyrerkonstellation ins Schicksal geschrieben bekommen, die ihn besonders hart prüfen muss, weil er doch so eine besonders starke Persönlichkeit ist? Aber an was nur soll er geprüft werden? Er weiß doch schon alles, versteht schon alles und ist überhaupt ziemlich nahe an der letzten Stufe der Transzendenz. Das einzige, letzte Glied, das dafür nur fehlt, ist doch nur ... die passende Menschheit.