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03. August 2010

Der Kühlschrank als Mysterienort

Mütter und Söhne - Beobachtungen von Christa Schyboll

Anna hat einen Sohn. Sie sieht ihn nicht oft. Sieht sie ihn aber, dann wird es spannend. Eigentlich müsst man für ein solches Treffen ein fettes Eintrittsgeld nehmen, so man Zeuge sein darf. Manchmal bühnenreif für die Berlinale.

Giganten treffen aufeinander. Einer spitzfindiger als der andere. Da beide das wissen, müssen häufig die mentalen Messer, notfalls bis aufs Blut, gewetzt werden. Das Wetzeisen dabei ist beispielsweise der Kühlschrank. Aber man könnte auch aus dem geringsten aller Gegenstände noch eine Bühne für einen Superzoff zu kreieren.

Annas Sohn steht also vor dem Kühlschrank. Das darf er, das gehört zu den Vereinbarungen. Auch, dass er ihn öffnet, benutzt und automatisch dabei minimiert. Bis zu einem gewissen Grad, weil Anna nicht nur auch Hunger verspürt, sondern öfter auch Hunger auf was Leckeres. Sie lässt sich nichts nehmen, nur weil sie das Superkind auf die Welt brachte. Nur satte Mütter sind auch gute Mütter!

Das besonders Leckere ist wegen des begrenzten Budgets eben auch etwas begrenzter vorhanden. Wenn also der Kühlschrank sein Zauberlichtlein erblinken lässt wird schon einmal prophylaktisch die erste kühne Frage drohend in den Raum geschmettert, bevor überhaupt nachgeschaut wurde: "Ist etwa die Torte alle?"

Nicht etwa, dass Sohnemann schon danach gekramt hätte - nein, der Drohruf dient nur einer psychologischen Voraus-Absicht: Anna soll a) ein schlechtes, nein, sehr schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie es gewagt hätte, tatsächlich das Letzte der beiden Stücke zu nehmen! Und b) Wenn sie es nicht genommen hat, könnte sie mit dem drohenden Unterton sich ja vielleicht bemüßigt fühlen, jetzt aufzuspringen und die weniger interessanten Dinge aus diesem Mysterienschrank wegzuräumen, die dem begehrten Tortenstück im Wege stehen, so es denn auffindbar ist.

Dazu muss man wissen, dass der Kühlschrank nicht nur nicht klein ist, sondern zudem auch meist überfüllt, weil Anna täglich mit Krieg rechnet. Und was dann mit Torten, Mayonesen, Anchovis oder guter Wurst ist, kann sich Anna schon denken.

Anna hat das Stück nicht gegessen. Diesmal nicht. Durchaus hätte es aber auch anders sein können. Es müsste eigentlich also noch da sein. Sie kennt die Tricks mit den drohenden Fragen und ruft laut und vernehmlich sicherheitshalber drohend zurück: "Bist du etwa zu faul zum gucken? Du wirst mich doch jetzt nicht hier aufstehen lassen, mein Krimi läuft!"

Hm… bei Krimis sollte man Anna nicht stören. Das weiß Sohnemann. Aber er weiß auch, dass er mittlerweile schon drei Pakete Butter, zwei Dosen Wurst, drei angerissene Käseschachteln weggeräumt hat und keine Torte gefunden hat. So geht es nicht! Jetzt muss mal ein Machtwort gesprochen werden.

Natürlich weiß er, dass Anna das Stück nicht gegessen hat, da sie keine ausgesprochene Lügnerin ist. Wenn sie mal lügt, lügt sie so schlecht, dass man den Versuch quasi als Halbwahrheit noch durchgehen lassen kann. Aber ihre Aussage eben das klang ehrlich. "Es läuft also ein Krimi und sie wird nicht aufstehen, weil es ja noch da sein muss..!“ denkt Sohnemännchen.

Was also ist zu tun, um dieses verflixte Stückchen Torte in diesem Kühlchaos auszumachen, ohne das ganze Ding auszuräumen? Druck muss her! Die Stimme darf nicht nur drohend klingen, das macht keinen Eindruck. Sie muss hilflos klingen, am besten verzweifelt. Das lässt Mütterherzen erweichen... Schwierig jedoch in einer Situation, in der gerade 5 Meter weiter jemand erschossen wurde und die Verfolgungsjagd beginnt, während man selbst als Gefangener mit einem Hungerloch und zwei überfüllten Händen mit absurd falschen Lebensmitteln tief verzweifelt in der Küche steht.

Die alte Tasse da - die konnte Annas Sohn noch nie leiden. Mit dem Ellbogen fegt er sie von der Anrichte… Es knallt und scheppert… er schreit lauf auf. Gerade so ähnlich schrill, wie im Film… schreit "autsch und weh"… und "verdammt und verflixt"… Das lässt Anna nicht kalt. Sie liebt ihr Geschirr - und ein wenig sogar ihren Sohn. Und der Schrei in der Küche war ähnlich bedrohlich wie vor zwei Minuten im Krimi. Sie verwechselt die beiden Wirklichkeiten und steht ruckzuck in ihrem Küchenkrimi. Alles voller Blut. Anna schreit auf! Ein verzweifeltes Kind von 25. Beladen mit Käse und Gedöns… Und halbverhungert. Annas Augen suchen die Verletzung - doch er beruhigt: "War Kirschsaft drin, ….sorry!… aber der Kühlschrank war so voll… Wo ist denn nun das Stück Torte…?"

Anna schwankt. Kein Blut. Nur Kirschsaft! Wie um Himmels willen konnte diese Tasse runterfliegen? Aber ihr Hirn ist nicht schnell genug. Ihre Hände sind flinker und ziehen das Süße Geheimnis hinter dem Fleisch hervor.