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02. September 2010

Offenheit

Hurerei im Geistigen oder ein Akt des Vertrauens? Fragt Christa Schyboll

Auch wenn mir keine wissenschaftlichen Studien und Zahlen vorliegen, so werde ich subjektiv das Gefühl nicht los, dass die Offenheit der Menschen untereinander einen riesigen Sprung in den letzten Jahrzehnten machte.

Mit beteiligt daran sind natürlich in erster Linie die Medien, die einen enormen Einfluss darauf haben, dass Privates nicht nur öffentlich wird, sondern bis hin zur reißerischen Vermarktung auf dem Markt der psychischen Eitelkeiten mutiert… nicht selten bis in die Katakomben der Psychopathologie. Nicht einmal mehr Geld muss dafür bezahlt werden, dass Menschen ihr Intimstes nach außen geben und „sich öffnen“, für jede Frage, die nur denkbar ist. Es reicht ihnen, Publikum zu haben, selbst dann, wenn der Beifall für ihre so genannte Öffnung ausbleibt.

Sich selbst zu öffnen war zu früheren Zeiten einmal eine Frage des Vertrauens in einer intimen Situation unter Partnern oder engen Freunden. Auch sich einem Fremden zu öffnen war durchaus gegeben, so Zeit und Stunde, Sympathie und Atmosphäre eine günstige Konstellation miteinander eingingen. Seelenverwandte, die sich erkannten und wussten, dass das Gesprochene auch ohne gemeinsame Vergangenheit unter dem Schutz eines nonverbalen Versprechens stand. Da wurden Dinge aus dem eigenen Leben erzählt, Rat gesucht und gegeben oder Betrachtungen angestellt. Der gemeinsame Raum war behütet und geschützt und blieb es als Ehrensache.

Offenheit gehörte zur Persönlichkeitseigenschaft und meinte in der alten Weise eine konstruktive Form von Neugierde, die auch traditionelle Werte in Frage stellte, aufmerksam für die eigenen wie die fremden Emotionen war. Ob diese Offenheit nun das ganz Persönliche betraf oder auch ein ganz anderes Interesse, das der Ästhetik oder gesellschaftlichen Fragen gewidmet war, war dabei nicht so entscheidend. Wohl aber, dass der offene Mensch in der Regel zu den Einfallsreichen gehörte, die originell, erfinderisch und oftmals phantasievoll durchs Leben gingen.

Und heute? Der Begriff der Offenheit ist verwässert durch die Gier nach Selbstdarstellung. Als Offenheit werden heute Themen und Fragen „verkauft“, um Quoten zu bedienen. Die letzten Tabus dabei im freien Fall. Jene neue Art der Bereitschaft zur Öffnung der Menschen entwickelte sich in vielen Bereichen zur regelrechten medialen Hurerei im Geistigen. Damit beging die Menschheit ganz unbewusst einen Betrug an sich selbst, weil sie sich ohne Not abnabelte von einer Qualität, die nun zur Konsumware verkam.

Geht ein Weg zurück? Ich denke: ja. Dann, wenn man es will. Dann, wenn man achtsam ist und seine Worte wieder wägen lernt. Wenn man versteht, welche schöne Weise des Seins hinter einer Offenheit steht, die nicht nur lautere Motive hat und die persönliche Erweiterung sucht, sondern auch aufmerksam Ausschau nach dem Menschen hält, der diesen Kriterien in seiner Haltung ebenso gern entspricht. Der Lohn ist Begegnungsqualität mit einem anderen Menschen, die sich in einem heil(ig)en Raume trifft.