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28. Mai 2014

Inspiration

Vom Sog fremder Phantasien, schreibt Christa Schyboll

Woher nehmen wir unsere Inspirationen und welche Bedeutung hat dafür auch unser Schlaf? Kraftvolle Ruhezonen zu schaffen ist eine Gewährleistung dafür, dass sich das Schöpferische in uns allen ausdehnen kann. Die hohe Kunst ist es dabei, all die ungehobenen Schätze in uns zu erkennen und zu nutzen zu lernen.

Aufräumen war wieder einmal angesagt. Drei Kisten Akten, Dokumente, Zeitungsausschnitte. Zwischen all dem ein kleiner vergilbter Zeitungs-Schnipsel. Am Rand wenige Zeilen schwarz angezeichnet. Der Optik nach wohl 30-40 Jahre alt. Er fiel fast auseinander. Ich wollte ihn schon gleich mit entsorgen, da er nicht einmal ein Datum oder eine Quellenangabe trug, geschweige denn eine Autorenschaft auswies. Dann aber ruhten meine Augen doch kurz auf diesem mir unbekannten Text. Ich las:

"Wer sich dem Sog fremder Phantasie nie ausgesetzt hat, kann sehr schwer eigene entwickeln; kann Bedrohungen und Zwänge der wirklichen Welt kaum Aktivität entgegensetzen, nicht einmal Toleranz. Denn der, der Muße nicht kennengelernt hat, bleibt ohne Initiative. Der Mensch, der nicht träumt, wird wahnsinnig. Eine Gesellschaft, die den Traum wegfiltert, ist anfällig dem Wahn. 'Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer', heißt eines der eindrucksvollsten von Goyas Capriccios. Intellektueller Trägheit entspricht schnell moralische Leere. Sie ist auffüllbar zum Beispiel mit politischem Chaos."

Ich las gleich nochmals… und staunte! Wer immer es wann und wo geschrieben hatte, zeigte einen feinen Durchblick und Weitblick zugleich. Da kannte einer die Stolperfallen der menschlichen Seele ziemlich gut und orakelte etwas, das heute allzu bekannte und traurige Wirklichkeit in vielen Bereichen ist.

Ich ging den Satz nochmals gedanklich Aussage für Aussage durch. Seine Wahrheit erlebte ich auch in meiner eigenen Wirklichkeit der Entwicklung. Schon früh setzte ich mich einer Flut spannender Märchen und Geschichten aus. Oft ohne Bildmaterial. Das Bild entwickelte sich im Inneren umso stärker. Später bildeten sich eigene Urwälder voller Phantasien, die meinen Innenkosmos bereicherten.

Das gab mir Kraft für viele Aktivitäten, die lange Zeit und weit über die Interessen meiner Person hinausgingen und einer Gemeinschaftsaufgabe gewidmet waren. Ich konnte mich einsetzen und betätigen, weil etwas gewachsen war, das Flügel zu verliehen schien. Die Muße, das Lesen, die Ruhe der Kindheitstage förderten die Initiative zu späteren Zeiten enorm.


Ohne Traum wird der Mensch wahnsinnig


Ich hielt inne und fragte mich nach der Muße der Kinder in unserer Gegenwart. Medien, Termine, Mails, Anrufe, Schule, Smartphon, sms, Kurse, Druck, Schule. Wann ist ausreichend Zeit für Muße? Kennen die Kinder und Jugendlichen der Gegenwart überhaupt noch dieses Wort? Könnten sie es mit Leben erfüllen – oder würden sie schon wahnsinnig daran, die Chance einer Muße nur für wenige Stunden durchzustehen? Wann also bleibt die notwendige Ruhephase zum Wachsen, Verarbeiten, Verdauen aller Eindrücke und zum Gedeihen. Wann träumt der Mensch am Tage? Und sind die Fastfood-erzeugten Phantasien moderner Zeiten tatsächlich genauso vitaminreich, wie die bildlosen oder bildarmen Phantasien meiner eigenen Kindheit, die die eigene schöpferische Kreativität herausforderten, weil alle Bilder, Inhalte und Geschehnisse zu entwickeln waren? Waren wir früher nicht die viel besseren Programmierer einer speziellen Individual-App?

Der Mensch, der nicht träumt, wird wahnsinnig. Ja! Das ist auch hirnphysiologisch bekannt. Menschen, denen man den Traum (durch Schlafentzug) entzieht, werden verrückt und sterben. Es gibt genug grausige Forschungsberichte über diese Methoden diverser Geheimdienste. Aber hier geht es noch um mehr als nur diese körperliche Ebene. Visionen, Vorstellungen und Gedanken sollen ja nicht nur im Traum, sondern eben auch im Wachzustand entwickelt werden. Wie aber, wenn das Hirn des Menschen mit Surrogaten und Konsumträumen ständig domestiziert wird? Wenn eine Dauerberieselung keinen Platz mehr für eine gesunde Eigenentwicklung lässt, weil wirtschaftliche Interessen eine andere Marschrichtung für den Konsumjunkie der Gegenwart verordnen und zuverlässig gewährleisten. Wie soll dann eine kraftvolle Ruhezone entwickelt werden, die eine schöpferische Eigeninitiative am Tag und in der Nacht fördert?

Es ist ein Dilemma, in einer Zeit zu leben, wo die natürlichen Träume des Menschen durchkreuzt und durchdrungen sind durch künstlich erzeugte Begierden, die ihrer Art nach alle Züge von Suchtverhalten zeigen, wenn sie erst einmal im Menschen angedockt sind. Künstliche Träume, denen wir hinterher laufen und keine Sättigung erfahren. Viele Menschen merken es nicht einmal, dass ihr Wille längst nicht mehr Wille ist, sondern eine perfekt gelungene Hypnose.

Ein kleiner vergilbter Zeitungsschnitzel, der zur Entsorgung anstand, wird gerettet. Nicht nur, weil er mich für kurze Zeit ins tiefe Nachdenken katapultierte, sondern auch, weil ich dem unbekannten Autor nun gern ein kleines Denk-mal! in einer meiner Dauerakten setze, wo weise Sprüche kluger Menschen gesammelt sind und auf eine Menschheit warten, die sie einst mit Leben erfüllen wird.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.