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21. März 2013

Die Angst vor der Zärtlichkeit und der Güte

Eine Herausforderung für jeden Einzelnen, meint Christa Schyboll

Der neu gewählte Papst Franziskus I. ist kaum im Amt und schon lässt er uns alle aufhorchen. Was er sagt klingt verwunderlich und ist nachdenkenswert.

Er sagte unter anderem wörtlich: „Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor Zärtlichkeit!" Was meint er damit?

Es ist für mich ebenso erstaunlich, dass die Weltpresse dieses Zitat überall herausstellt, ich dennoch nirgends die Frage lese: Warum denn Angst vor Zärtlichkeit und Güte? Das sind doch positive Eigenschaften. Sehnt sich denn nicht jeder Mensch danach? Welche Form von Zärtlichkeit könnte denn der neue Papst meinen, die uns Angst machen könnte? Es handelt sich offenbar um eine Angst, die uns kaum richtig bewusst sein dürfte, warum er sie ausdrücklich im Zusammenhang mit schönen Gefühlen erwähnt. Ganz gewiss meint der Papst nicht allein nur die Zärtlichkeit zwischen den Geschlechtern, sondern zum Leben und der ganzen Schöpfung schlechthin. Nur bleibt dann immer noch die Frage nach der Angst zunächst offen.

Da er uns aber die Antwort darauf schuldig geblieben ist, darf jeder selbst für sich danach suchen. Vielleicht wird man ja im eigenen Zärtlichkeitsverhalten fündig. Vielleicht entdeckt der eine oder andere nachdenkliche und zur Selbstreflexion befähigte Mitmensch da einen Mangel an eigener Schenkungsbereitschaft, an eigener Blockade dem Partner, den Kindern, den Mitmenschen und Geschöpfen der Erde allgemein gegenüber? Viele Menschen sind ja nicht einmal zärtlich zu sich selbst. Oder aber ein Mangel an Menschen wird bewusst, die einen selbst zärtlich lieben und mit Güte begegnen. Wie schwer ist Zärtlichkeit, wenn sie einen umfassenden Stellenwert im eigenen Liebesleben zur Schöpfung hat? Wie schwer ist es, den Begriff der Güte auch mit einem konkreten Inhalt zu füllen und sie nicht nur theoretisch zu bejahen?

Es ist unsinnig, Güte und Zärtlichkeit von andern Menschen zu fordern. Jeder hat sie nur allein von sich selbst zu fordern oder besser: zu entwickeln. Es sind höchste Geschenke, die man nur freiwillig von einem anderen Menschen bekommen kann. Der, der sie schenken kann, hat keine Angst mehr vor der eigenen, unbekannten Tiefe, sondern lässt sich auch einseitig ein, weil Zärtlichkeit und Güte keinen Deal und keine Bedingungen brauchen. Sie kommen aus der Zone der eigenen Unbegrenztheit, sofern man selbst dazu schon einen ersten Zugang hat.

Es ist eine neue Sprache, die wir hören. Aber ist es auch eine Sprache, die wir verstehen können? Die Akustik der Worte allein muss hier mit einer Klangfarbe des Herzens einhergehen, um auch glaubhaft zu sein. Und das Herz klingt erst dann an, wenn mit ihm konkrete Taten verbunden sind. Das Herz ist das Symbol tätiger Liebe und nicht die Abstellkammer egoistischer Sehnsüchte und Wünsche.

Vielleicht ist Papst Franziskus I. ein Protagonist für eine reife, weite Form von Liebe, Zärtlichkeit und Güte, an der es in der Welt doch so sehr mangelt? Weil wir nicht genug lieben, führen wir Kriege gegen Mitmenschen, alle Geschöpfe und die Schöpfung schlechthin. Wir sind über alle Konfessionen oder Religionen hinweg gut beraten, diese scheinbar schlichten Worte in ihrer unendlichen Schwere und ihrer immensen Bedeutung zu verstehen!

Denn wenn wir sie verstehen, müssen wir umhandeln. Handeln wir weiter wie bisher, dann verstehen wir sie nicht, selbst wenn wir sie hören.

Wird Papst Franziskus I. ein Papst der Herzen? Liebender Herzen, die nicht in Träumen und Moden schwelgen, nicht nur in harscher Alltagspolitik, die von Finanzen, Kursen, Pleiten und immer mehr Waffenlieferungen bestimmt ist? Wird er in seinem „Staat“ Vorbild für andere Staatslenker werden? Oder werden die Hardliner der aktuellen Tagespolitik innerhalb und außerhalb des Vatikans diese neue Sprache wieder mit all den Argumenten behaupteter Sachzwänge totschlagen, die eine ungerechte globalisierte Welt ständig im tödlichen Feueratem hält?

Wenn wir die wirkliche Größe und die Potenz erkennen, die in Zärtlichkeit und Güte liegt, ja, dann kann man Angst vor der eigenen Tiefe bekommen! Aber wenn wir uns einlassen, sie annehmen und kennen lernen, wenn wir sie schenken und uns schenken lassen, wird dieser Angst der Raum entzogen.