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19. November 2010

Ratlosigkeit

Unsere Chance in der Ohnmacht – von Christa Schyboll

Ratlosigkeit ist ein Zustand, der uns eine Leere fühlen lässt, die vor Fülle zu bersten droht. Wir stehen plötzlich vor einem Ereignis und sind handlungsunfähig. Das Denken setzt aus, das vorher bereits eine ganze Menge Alternativen erzeugt hat. Aber keine scheint machbar oder Chance auf sinnvolle Umsetzbarkeit zu haben. An irgendetwas hakt es immer, der Goldene Schnitt will sich einfach nicht einstellen.

An wen wendet man sich in solchen Fällen? Oder umgekehrt vielleicht, man wandte sich bereits an uns und kann ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr weiter helfen. Ob es daran lag, dass wir selbst den falschen Rat gaben oder einen unbrauchbaren bekamen, weil wir zur Umsetzung nicht befähigt waren, ist dabei nebensächlich. Hauptsächlich ist: wir fühlen uns ohnmächtig.

Aller Macht beraubt stehen wir nun da klein und hilflos als erwachsene Menschen, die doch sonst durchaus stark im Leben stehen. Jetzt reihen wir uns ein in die lange Schlange der Versager, der Nichtweiterwisser. Ein Zustand, der schwer oder auch gar nicht auszuhalten ist. Die eigene Temperamentsanlage entscheidet nun zunächst darüber, ob wir auf Biegen und Brechen dennoch weitere Unmöglichkeiten versuchen oder uns verzweifelt in den Schoß der Hilflosigkeit betten.

Ein Ausweg könnte ein dritter Weg sein. Er kombiniert die beiden Extreme von Ohnmacht und Hyperaktivismus in bewusster Gedankenklarheit. Voraussetzung jedoch ist Vertrauen darauf, dass die richtige Handlungsweise bereit steht und darauf wartet, ergriffen zu werden. Denn niemand ist ohne Chance. Diese Handlungsweise kann in so manchen Fällen dann auch aktives Nichtstun sein, wenn es die Situation erfordert. Dieses Nichtstun jedoch unterscheidet sich elementar vom Nichtstun der Nichtwissenden oder Nichtweiterwissenden. Es wird zu einem Akt höchster innerer Konzentration, die aus einem klaren Willensimpuls erwächst. Dieser wiederum basiert auf klaren Gedanken, die sich nüchtern einen Überblick verschafften und ohne festgelegte Gefühle sich nicht aufs Gewünschte, sondern aufs Machbare und Richtige konzentrieren. Oft gehen diese beiden Ströme auseinander, weil Wünsche nicht selten egoistischen Pfaden folgen, an deren Ende starke Verblockungen stehen, die uns in diese Situation der Ratlosigkeit hinein katapultierten.

Betrifft es andere, die zu handeln hätten und wir selbst sind in der Situation des ohnmächtigen Ratgebers, so kann es durchaus sein, dass unser gut gemeinter Rat nicht unbedingt auch der psychischen Wirklichkeit des Ratsuchenden entspricht. Dieser steht oftmals in seinem Reaktionsvermögen woanders als dort, wo wir ihn gerne sähen und hat manchmal noch ganz andere Wege vorher zu gehen, als die, die wir ihm angeraten haben.

Ratlosigkeit ist ein guter Zustand. Er zeigt unsere Begrenzung sauber auf. Aber er weist uns auch darauf hin, dass es eine selbst erschaffene Grenze ist, die durchlässig wird, wenn wir selbst uns verändern. Dafür ist guter Rat teuer, der jedoch nicht unbedingt Geld kosten muss, sondern tiefere Überlegungen, Ernst und Zeit.