Schicksalsgefährten

Sind unsere Partner unser Schicksal?, fragt Christa Schyboll

Fast jeder Mensch hat eine kleine Hauptgruppe anderer Menschen um sich herum, die ihn prägen, fordern, beeinflussen, lieben, hassen, nerven oder beschenken. Das sind unsere Hauptbeziehungspartner.

Dazu gehören vor allem die Eltern, Großeltern, Geschwister, Partner, eigene Kinder, Freunde, Kollegen oder Nachbarn. Mit all jenen haben wir mehr oder weniger engen oder nicht so engen Kontakt, pflegen Liebe, Freundschaften oder Feindschaften und machen zentrale emotionale Erfahrungen mit ihnen, die unser Bild vom Leben und des Menschseins zutiefst prägen.

Insofern kann man sagen, dass alle diese Beziehungen, zu denen eine wirkliche Nähe besteht, Schicksalsgefährten sind. Unabhängig davon, ob diese Beziehung nun angenehm oder unangenehm ist, ob sie uns fördert oder uns sogar gefährlich werden kann. Kennzeichen ist, dass wir mit ihnen schicksalhaft zu tun haben - ob wir wollen oder nicht.

Hinterfragt man diesen Personenkreis, so wundert man sich häufig darüber, wie unterschiedlich er doch zusammengesetzt ist. Dies betrifft vor allem die so unterschiedlichen Charaktere, an denen wir uns reiben oder erfreuen. Bei einigen Menschen mag es sich um eine sehr kleine und überschaubare Gruppe handeln, mit der tatsächlich nahe Beziehungen gepflegt werden. Bei anderen Menschen ist es eine schiere Fülle von Menschen mit den unterschiedlichsten Eigenschaften, die prägend sind. Nichts davon ist aber zu bewerten, weil es sich in jedem Fall um eine unvergleichliche Angelegenheit handelt. Und diese Handlungen, die dort vollzogen werden, prägen uns in vielfältigster Weise ebenso wie die damit verbundenen Menschen.

Diese Prägungen und Beeinflussungen geschehen auch gegen unseren Willen. Dennoch haben wir vieles davon in der Hand, wenn wir uns der Frage der Schicksalsbeziehungen genauer zuwenden. Es gilt sie zu hinterfragen und sich selbst zu überlegen, ob und wo es vielleicht sogar einen roten Faden in diesem Schicksalsgewühl gibt, der uns ganz persönlich etwas Entscheidendes lehren kann, das uns offenbar noch fehlt. Manchmal sind wir aber auch diejenigen, die geben, die etwas zu schenken haben. Sei es Wissen oder Hilfsbereitschaft, sei es Weisheit oder aufbauenden Einfluss. Denn so wie wir geprägt werden, prägen wir auch unsere Mitmenschen durch unser individuelles So-Sein. Aber vor allem prägen wir diejenigen Menschen mit, die uns nahe stehen. Als Freund oder als Feind. Auch Feindschaften können eine enorme Bedeutung besitzen, wenn man ihre Chance erkennt, die fürs eigene Wachstum entstehen kann. Eine echte Feindschaft in Freundschaft oder zumindest in eine Befriedung zu verwandeln, kann zum Beispiel zu einer Meisterschaft im Leben werden.

Beginnt man, alle seine Beziehungen mehr als bisher einmal unter dem Blickwinkel der Chance und der Lernmöglichkeit für beide zu betrachten, bekommen all unsere unvergleichlichen Beziehungen zu unseren Schicksalsgefährten plötzlich einen neuen, tieferen Sinn, dem sich nachzuspüren lohnt.

— 13. Juni 2012
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