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05. September 2013

Deutscher Kopfschmerztag

Der Exportweltmeister zerbricht sich seinen Kopf. Von Christa Schyboll

5. September. Ich bin Deutsche. Und bald ist Wahl. Und heute habe ich Kopfschmerzen. Wegen beidem. Der Wahl und dem Deutsch-Sein. Denn der deutsche Kopfschmerztag ist kein internationaler Tag. Warum wohl? Weil wir Deutsche am Ende doch Kopf gesteuert sind, wie es viele andere Nationen von uns schon lange behaupten?

Wie weh das gleich auf mehreren Ebenen tun kann, weiß jeder, der von einem der über dreihundert bekannten Kopfschmerzarten geplagt ist und sich zudem über solche internationalen und zudem fiesen Unterstellungen ärgert.

Mir gehen so Gedanken durch den Kopf. Zum Beispiel dieser hier: Wieso haben zum Beispiel Griechen weniger Kopfschmerzen als wir? Die Antwort ist klar: Sie trinken Wein, essen Schafskäse und Oliven und tanzen Sirtaki. Das fördert den Kopfschmerz definitiv nicht. Und wir? Wir arbeiten bis 67, sind ewig gestresst, tanzen nur zu Karneval, falls wir es dann noch können und schlucken tonnenweise Wirkstoffe wie Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen. Und während die Griechen schön in der Sonne dösen, legen wir uns auch während der Arbeitszeit Eisbeutel auf die Stirn, rechnen, analysieren, bilanzieren, vergraben uns in Sorgen und Nöte, dunkeln das Zimmer ab und fühlen uns bereits in der final abgedunkelten Zukunft.

Und die Griechen tanzen sommers wie winters. Die Spanier auch. Und die Italiener und überhaupt die meisten Leute in den warmen Ländern. Sie sind viel lustiger. Sie brauchen von daher weniger Kopfschmerzmittel. Dafür etwas mehr finanzielle Unterstützung, die wir wiederum mit Kopfschmerzen erarbeiten. Ist unser marktwirtschaftlicher Vorteil am Ende unserer Fähigkeit geschuldet, zur Strafe für die Exportweltmeisterschaft flankierend Kopfschmerzen entwickeln zu müssen? Oder ging die Genese der Kopfschmerzen anders irgendwie anders herum?

Wir Deutschen sind nicht nur die Retter Europas, sondern auch die Weltmeister für Kopfschmerz. Wenn Sie lange genug suchen, werden sie die entsprechende Statistik im Internet finden. Statistiken sagen alles aus. Auch und vor allem das, was wir nicht hören und lesen wollen. Wir Deutsche haben sehr spezielle Kompetenzen entwickelt. Und damit diese Kompetenzen auch institutionalisiert werden, haben wir Deutsche sicherheitshalber auch eine Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft gegründet und dazu eine deutsche Schmerzliga. Das sind nur zwei von vielen Fachbereichen, die sich wissenschaftlich dem Kopfschmerz verschrieben haben und uns allen helfen wollen. Wir sind gründlich. Auch und vor allem im und mit dem Schmerz. Allerdings behauptet niemand, dass wir Deutschen nun alle Sorten von Kopfschmerzen erfunden hätten. Manche kommen auch aus Afrika oder Sibirien. Sibirische Kopfschmerzen halt. Wie der medizinische Fachbegriff heiß, wusste Wikipedia nicht zu beantworten. Die Leute dort hatten gerade Kopfschmerzen, weil sie sich den Kopf darüber zerbrachen, wie das Thema Kopfschmerz so umfassend gründlich in Wikipedia behandelt werden kann, dass es noch jemand liest und auch kapiert, ohne dabei Migräne zu entwickeln.

Ich bitte um Nachsicht! Mir ist bekannt, dass ein so ernstes Thema wie Kopfschmerz sich nun überhaupt nicht für eine kleine satirische Betrachtung eignet. Der Schmerz kann ja eine Folter sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Dennoch lässt es meine Mundwinkel lächeln, wenn ich nur daran denke, dass es eben „Deutscher Kopfschmerztag“ heißt und nicht etwa griechischer, kenianischer oder aserbeidschanischer Kopfschmerztag. "Deutscher Kopfschmerztag" klingt so…. also klingt so… so stimmig. So logisch. So, als könne er gar nicht anders heißen.