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12. Juli 2012

Wer bin ich?

Über das Wirrwarr unseres Rollenspiels, sinniert Christa Schyboll

Wir können unser eigenes Lebensdrehbuch vielfach umschreiben, wenn uns der Inhalt oder die Story nicht passt. Wir müssen uns nur kurz von uns distanzieren, uns von außen betrachten und beschließen: Das geht auch anders!

Es ist eine uralte philosophische und auch psychologische Frage, sich selbst in seinem Sosein einordnen zu wollen. Eine Reihe von Büchern mit solcherart oder ähnlichem Titel sind deshalb auch Renner, weil sie die Lust auf eine Fragestellung bedienen, die immer noch geheimnisvoll ist: Wer bin ich?

Dazu gehört natürlich die Erweiterung der Frage auf: Was bin ich, wie bin ich es, warum bin ich geworden, wie ich bin und wie werde ich, wenn ich all das durchschaue und die Erkenntnisse daraus anwende? - Am Ende kommt da unter Umständen sehr viel heraus mit dem merkwürdigenGefühl, dass man "viele" ist.

Und so ist es auch. Man ist "viele" - auch wenn man nur einen Körper hat und singular in Erscheinung tritt. Man ist "viele" im Sinne der wechselnden Rollen, wo der eine innere Typus mit dem anderen fast nichts mehr zu tun hat. Manchmal kann man sogar in sein eigenes Gegenteil mutieren: Vom abendlich verführerischen Vamp zurück ins Aschenbrödel, dass gerade mal eben Bad und WC zu säubern hat. Von der Karrierefrau in die leicht schusselige Alltagsperson, die nicht einmal mehr weiß, wo der Autoschlüssel noch vor fünf Minuten abgelegt wurde oder warum man den so notwendigen Einkaufszettel schon wieder vergessen hat. In jeder Rolle denkt, fühlt, "ist" man anders, obschon man zugleich seine eigene Einheit und Stabilität behält. Und beobachtet man genau, dann spricht man vielleicht sogar mit anderer Stimme, hat ein anderes Tastgefühl, sieht anders hin oder nimmt Düfte wahr, für die man in anderen Rollen vollständig abgestumpft scheint. Es ist also keineswegs nur die Frage des Outfits… sondern vor allem des "Infits", die Realität eines sich ständig verändernden Innenlebens.

Man kann Heilige und Hure, Durchtriebene und Blamierte sein. Immer wenn uns in all diesen Dingen gerade mal wieder kurzfristig ein Extrem gelingt - wie unbewusst oder bewusst auch immer angelegt - spüren wir diese Vielfalt in uns. Warum sind wir so und dabei ständig anders und neu? Warum können wir uns nicht immer in etwa gleich verhalten. Es mag sein, dass es einigen Leuten sogar gelingt, die dann eher „wenige“ zu sein scheinen, weil ihre Rollen insgesamt angepasster sind.

Ist das besser, spannender, schlechter? Nichts davon; es ist einfach nur anders. Solche Menschen experimentieren mit sich selbst auf andere Weise als die, die sich Megarollen in dem Bühnenstück ihres eigenen Menschseins verordnet haben.

Schafft man es übrigens, dieses Bühnenstück des eigenen Lebens und Schicksals einmal nüchtern von außen zu betrachten, so dürfte uns das Licht aufgehen, dass wir zu einem sehr großen Anteil eben auch unser eigener Drehbuchschreiber sind. Denn in fast allen Lebenslagen haben wir, wenn wir es nur scharf genug beobachten, oft viele Wahlmöglichkeiten - auch wenn uns vor Betriebsblindheit nur eine oder zwei leider spontan einfallen. Daraus folgt: Wir können unser eigenes Lebensdrehbuch vielfach umschreiben, wenn uns der Inhalt oder die Story nicht passt. Wir müssen uns nur kurz von uns distanzieren, uns von außen betrachten und beschließen: Das geht auch anders!

Dann jedoch hat man seine "vielen" Persönlichkeitsanteile um eine neue Variante bereichert. Möge sie Glück bringen und kreativ weiter wirken!

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.