Kontrollfreaks

Schwere Gewitterfront am Ehehimmel. Von Christa Schyboll

Anissa steht hinter der Gardine. Jerry kommt spät. Hat er getrunken? Sie will es schon vorher wissen, bevor er zur Tür herein kommt. Bevor sie es riecht. Sie will gewappnet sein. Bestimmt hat er schon wieder getrunken! Er wankt. Man sieht es doch. Anissa flucht. Dann legt sie sich leise ins Bett und tut, als ob sie schläft.

Jerry hat getrunken. Er lärmt herum. Er will leise sein, aber er schafft es nicht. Sein Körper gehorcht ihm nicht. Ach, egal! Soll sie doch wachwerden. Es ist eh alles verfahren. Vermutlich wird es bald in einer Scheidung enden. Jerry flucht. Dann knallt er sich ins Bett, schläft sofort tief ein und schnarcht.

Anissa ist wach. Sie steht wieder auf. Sie will jetzt nicht neben Jerry liegen. Nicht wegen des Schnarchens und dem ekelhaften Alk-Geruch. Sondern weil sie es nicht mehr in seiner Nähe erträgt. Sie will eine andere Luft atmen. Nicht die, die er zuvor ausgestoßen hat. Und das meint Anissa keinesfalls nur biochemisch.

Seit zwei Monaten ist Anissa in einer Therapie. Jerry weigert sich. Noch! Anissa ahnt schon, warum Jerry trinkt. Sie kontrolliert ihn zu viel. Er erträgt diese Unfreiheit nicht. Und je mehr sie kontrolliert, umso mehr trinkt Jerry. Je mehr ihre Vorwürfe aber auch berechtigt sind und handfest an Ereignissen festgemacht werden können, umso stärker steigen sie der Anzahl nach an. Lohnt sich die Therapie überhaupt noch? Ja. Denn auch Anissa hat ein Problem: Kontrollzwang.

Dieser kam natürlich nicht aus heiterem Himmel. Denn Jerry gab ihr mit seinem Verhalten ja auch immer wieder Gelegenheit, kritische Nachfragen zu stellen. So nach und nach baute sich in Anissas Innern ein Ungetüm auf. Es wuchs und wuchs, je mehr Mist Jerry baute. Anissa meinte es aber nur gut. Sie wollte ihre Ehe retten. Mit blindem Vertrauen jedoch war es schon lange aus. Also versuchte sie es mit vernünftiger Überwachung, wie sie fand. Jerry jedoch fand das weder vernünftig noch lustig. Er kam sich vor, wie ein Leibeigener. Ständig wurde ihm die Uhrzeit vorgeworfen. Ständig diese Ausfragerei. Dabei wollte Anissa doch nur lebendigen Anteil an seinem Leben haben, dass er doch mit ihr teilte. Aber er teilte ja nicht mehr. Er war ja nur noch weg. Dann wollte sie wenigstens davon noch einen kleinen Anteil haben. Es war doch nicht die Neugierde, die sie zu Fragen trieb, es war oft die Einsamkeit. Aber das konnte sie Jerry irgendwie nicht sagen. Vermutlich, so fürchtete sie, hätte ihn das aber auch nicht berührt. Oder am Ende doch?

Anissa begriff, das nicht nur Jerry das Problem war, sondern auch sie selbst. Warum ging sie denn nicht selbst ebenfalls aus? Warum nicht an den gleichen Tagen wie Jerry? Dann hätte sie auch etwas zu erzählen oder zu verschweigen. Aber was nur, wenn Jerry nicht einmal danach fragen würde? Wenn er ihre Freiheit gar nicht kennen lernen wollte? Dann wäre diese ganze lästige Ausgeherei ja völlig umsonst gewesen. Und all das Geld, das dabei drauf ging! Wie du mir, so ich dir? Das war keine wirkliche Alternative für Anissa. Sie wäre nur ein Spiel gewesen.

Anissa wollte anderes. Wollte mehr. Sie wollte einen Partner, der gern bei ihr war. Freiwillig und möglichst oft und lange. Anissa konnte aber nicht vertrauen. Sie musste in jedem freien Schritt Jerrys eine Gefahr wittern, die eine schwere aufziehende Gewitterfront den Ehehimmel verdunkelte. Aber warum brauchte man überhaupt soviel Vertrauen? Weil man selbst so unsicher, so misstrauisch war, weil man nicht die volle Verantwortung trug und sich vor ihrer Last zu sehr fürchtete?

Anissa schrieb und schrieb in dieser Nacht. Ihr wurden mehr und mehr die Zusammenhänge klar, warum sie beide so unglücklich miteinander waren. Ihre Ehe könnte sie alleine niemals retten. Dazu braucht man immer zwei, die das wollen. Das wurde ihr klar. Aber im ersten Schritt sich selbst zu retten, wäre ein guter Anfang. Vielleicht einer, der auch Jerry zu denken gibt.

— 20. November 2013
 Top